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Die Kraft der Selbstvergessenheit

Max Simonischek spielt den Stanley in Andrea Breths Inszenierung von Harold Pinters „Die Geburtstagsfeier“ bei den Salzburger Festspielen.
Der Abdruck dieses Gesprächs erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Monatsmagazins ‚Bühne‘

Diffuse Ängste und der Verlust wahrhafter Kommunikation, irrationales Denken und unterschwellig bis offen ausgetragene Aggressionen bestimmen die vereinsamten Menschen in Harold Pinters „Die Geburtstagsfeier“, deren Protagonist Stanley am Ende verstummt. Es ist eine Atmosphäre spannungsgeladener Drohungen, die der britische „Meister des Unbehagens“ und Nobelpreisträger von 2005 in seinem ersten abendfüllenden Schauspiel 1957 schuf: Im seltsamen Idyll einer von einem älteren Ehepaar geführten englischen Strandpension erscheinen zwei unheimliche Fremde. Sie unterziehen auf einer spontanen Geburtstagsparty den einzigen Gast, den arbeitslosen Pianisten Stanley, einem desaströsen Verhör aus Andeutungen und erschreckenden Beschuldigungen, um ihn am Morgen danach als vernich-teten „neuen Menschen“ fortzuschaffen. In der abgründigen Rätselhaftigkeit dieser „schwarzen Komödie“ – inspiriert von Kafka, Beckett und dem Amerikanischen Gangsterfilm – vermittelt sich eine Unheimlichkeit, die dem verunsicherten Lebensgefühl unserer Gegenwart frappierend ähnelt.
Regisseurin Andrea Breth inszeniert Pinters „Die Geburtstagsfeier“ mit Max Simonischek als Stanley bei den Salzburger Festspielen in Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater. Über die Herausforderung von Pinters Sprache, die Bühne als Ort der Selbstvergessenheit und das Verhältnis zu seinem berühmten Vater sprach Max Simonischek mit Christina Kaindl-Hönig.

1982 als Sohn der Schauspieler Peter Simonischek und Charlotte Schwab in Berlin geboren, wuchsen Sie in Zürich und Schleswig-Holstein auf und studierten von 2003 bis 2007 am Mozarteum in Salzburg Schauspiel. Bestimmte Ihre familiäre Prägung Ihre Berufswahl?
Nein, ich habe mir meinen Beruf möglichst lange offengelassen, auch wenn es natürlich eine Vertrautheit mit der Theaterwelt gab. Ich dachte, das Schauspielstudium ist auf keinen Fall umsonst, weil man sich selbst dabei besser kennenlernt. Ich bin in diesen Beruf hineingeschlittert, und wenn ich heute mit KollegInnen, RegisseurInnen und AutorInnen arbeite, die sich für mich interessieren und die ich schätze, weil sie meine Fantasie ankurbeln, dann macht mein Beruf für mich Sinn. Mich begleitet stets die Frage: Wie kann ich mich weiterentwickeln? Kann ich etwas lernen? Danach suche ich. Ist das nicht der Fall, werde ich zynisch. Deshalb will ich möglichst viel Entscheidungsfreiheit.

Foto: Salzburger Festspiele - Johannes Ifkovits

Foto: Salzburger Festspiele – Johannes Ifkovits

Arbeiten Sie deshalb seit 2015 freischaffend? Sie waren ja vorher Ensemblemitglied am Maxim Gorki Theater in Berlin und von 2012 bis 2015 an den Münchner Kammerspielen …
Ja, ich bin neugierig auf unterschiedlichste Arbeitskonstellationen. Ich habe Lust auf die Vielfalt dieses Berufs, auch beim Film.

Was treibt Sie an als Schauspieler?
Mich kennenzulernen in Situationen, die ich im Alltag nicht finde. Ich bin auf der Bühne viel mutiger als im Leben und empfinde sie als Schutzraum durch den Zustand des Spiels. Auf der Bühne gibt es für mich weder richtig noch falsch, sondern ein Ausprobieren und das Akzeptieren, dass manchmal auch ein Scheitern notwendig ist. Im besten Fall hebt die Bühne meine innere Selbstzensur auf und führt mich zu Selbstvergessenheit im Spiel, indem ich nicht mehr um Ausdruck bemüht bin: Intuition und Handeln werden eins.

Sie gaben bei den Salzburger Festspielen 2014 Horváths „Don Juan“, sind am Burgtheater in Ihrer eigenen Inszenierung von Kafkas „Der Bau“ zu sehen und als Eugen Rümpel in „Pension Schöller“. Ihr Vater spielte von 2002 bis 2009 den Jedermann in Salzburg und ist zudem gefeiertes Ensemblemitglied am Burgtheater. Empfinden Sie das als Bürde?
Nein, unser Verhältnis spielt für alle anderen eine viel größere Rolle als für mich. In Salzburg und Wien bin ich natürlich in der Höhle des Löwen, weil hier Titel und Familiennamen eine so große Bedeutung haben. Aber auf meine Arbeit übt das keinen Einfluss aus, auch wenn ich mich in meinen Anfängerjahren intuitiv an Orten
bewegte, wo mein Vater keine so große Rolle spielte.

Sie arbeiteten mit so unterschiedlichen Regisseuren wie Armin Petras, Jan Bosse, Johan Simons und Andreas Kriegenburg. Was zeichnet die erstmalige Zusammenarbeit mit Andrea Breth für Sie aus?
Eine wahnsinnig konzentrierte Arbeitsatmosphäre! Breth probt unvergleichlich effizient: Nach fünf intensiven Stunden ist man so geschlaucht, als hätte man zehn hinter sich. Breth ist unglaublich genau in der Textuntersuchung, bevor man überhaupt zu einer Interpretation kommt. Sie öffnet die Sprache, fasst sie als Handlung auf.

Worin liegen für Sie die Qualitäten von Pinters Dreiakter?
Dass er unzählige Fragen aufwirft, ohne eindeutige Antworten zu geben. Das erfordert Miniaturarbeit an dieser extrem komprimierten, doppeldeutigen Sprache. Das Stück ähnelt einer musikalischen Komposition. Pinter arbeitet gezielt mit Pausen und Stille, der Rhythmus spielt eine große Rolle, das Zusammenspiel der einzelnen Stimmen. Jeder Ton muss stimmen, sonst fliegt man raus aus dem Spiel. Pinters Sprache ist überaus direkt. Im Wesentlichen geht es um Schuldgefühle, um den Rückzug aus einer Gesellschaft, die Druck ausübt, was als Bedrohung aufgefasst wird. Atmosphärisch hat das natürlich viel mit uns heute zu tun.

Wer ist Stanley, der sich lethargisch zurückgezogen hat und durch zwei fremde Männer plötzlich einer Art Verhör unterzogen wird?
Sind die beiden von der Polizei, von der Mafia, von einer kirchlichen Organisation? Sind sie Irrenwärter? Pinter lässt das offen. Stanley soll durch sie in die Gesellschaft zurückgeholt werden, nachdem er in seiner Vergangenheit Schuld auf sich geladen hatte. Doch anstatt seine Schuldgefühle zu bearbeiten, überträgt er sie auf seine Umwelt, wie etwa auf die Pensionswirtin Meg, die für ihn Mutter, Geliebte und Schwester in einem ist. Stanley ist ein Gefangener seiner selbst, wittert überall Gefahr und Verrat. Die Fremden verwirren ihn und machen ihm Angst. „Die Geburtstagsfeier“ hat auch etwas von Wiedergeburt und birgt Widerstand. All diese Figuren werden von ihrer Vergangenheit eingeholt, sie sind fragmentierte Menschen. Das macht sie so gegenwärtig. Man muss das Stück vollkommen realistisch auffassen. Erklärt man es für absurd, nimmt man ihm seine Kraft.

Am Ende ist Stanley bis auf ein Krächzen verstummt …
Ja, er funktioniert nicht mehr. Ich frage mich: Was verlockt dazu, sich der Gesellschaft und ihren Normen zu widersetzen? Oder sich ihnen zu beugen? Es gilt, Pinters vielschichtige Rätselhaftigkeit auf der Bühne zum Klingen zu bringen, dann wird jeder seine eigenen Antworten finden.

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Max Simonischek als Eugen Rümpel in „Pension Schöller“ am Wiener Burgtheater, 2016

Foto: Reinhard Maximilian Werner
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Foto: Jeanne Degraa

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