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Die grüne Insel

Raue Küsten, sanfte Weiden, farbenfrohe Gewächse und unglaublich viele Schafe. Wer sich nach der Farbe Grün und nach naturbelassenen Landschaften sehnt, der ist in Irland richtig.

Schafe. Ich habe nicht gewusst, dass es so viele Schafe gibt. Sie bevölkern die Wiesen und die grünen Hügel, machen mitunter gerne einen ausgedehnten Spaziergang über die Straße und sind die wahren Kings hier in einem Land, in dem man noch träumen kann. Die Bilder mooriger Wiesen und keltischer Monumente hundertfach gegoogelt, beschloss ich eines Sommers meine Sachen zu packen, um meiner Sehnsuchtsinsel Irland endlich einen Besuch abzustatten. Meine Reise beginnt – relativ unspektakulär. Um 23 Uhr schmeißt mich mein Flugzeug in die Dubliner Nacht hinaus, ich hole mir Koffer und Leihwagen und düse los. Zucke hier und da zusammen, wenn mir jemand entgegenkommt (Linksverkehr!) und probiere in der Hotelbar mein erstes Guinness – Pflichtprogramm in Irland, schmeckt mir zugegebenermaßen jedoch nur bedingt – bevor ich mich ins weiche Bettchen sinken lasse.

Auch Irland hat Berge

Der erste Tag auf der grünen Insel führt mich gen Süden. Der Wicklow Mountains National Park liegt etwa 40 Kilometer entfernt von Dublin und bietet mir genau das, wonach mein Irland-hungriges Herz jetzt lechzt. Grüne Hügel, blaue Seentümpel, die sich geheimnisvoll durch die Moorlandschaft ziehen, hurra! Dem, was die Iren stolz als „Mountain “ bezeichnen, kann der Alpinist zwar nur ein 

schwaches Lächeln abgewinnen – die höchste Spitze misst 925 Meter – beeindruckend schön ist die Umgebung trotzdem.  Der Empfehlung eines guten Freundes folgend, mache ich Halt im Glendalough Valley, in dem ich eine der berühmtesten Klosterruinen Irlands besichtige: das Kloster St. Kevin. Mehr noch als das Kloster selbst, beeindrucken mich die teils riesigen Keltenkreuze, Grabsteine, die man in Irland oft sieht. Mystisch ragen sie in die Höhe und erinnern an Menschen, die hier wohl schon vor hunderten von Jahren begraben wurden.

Prunk, Gloria und ein kleiner Tierfriedhof

Den nächsten Besuch statte ich noch am selben Tag dem Powerscourt House ab, ein für den anglo-sächsischen Raum typisches und äußerst prachtvolles Herrenhaus. Haben hier früher die Lords und Ladies residiert, so dienen die Prunkräume heutzutage häufig der Bewirtschaftung anreisender Touristen. Bei dem herrlichen Wetter reizt mich jedoch der Park, den das Power Scourt House stolz vor sich trägt, viel mehr. Überhaupt, das Wetter. Entgegen der Behauptung, es regne in Irland immerfort, erfreue ich mich an schönstem Sonnenschein, der über meine gesamte Irlandreise anhalten soll. Im großzügig angelegten Park jedenfalls verzaubert mich ein kleiner Tierfriedhof. Beim Lesen der Aufschriften spüre ich einen Kloß im Hals und freue mich riesig über ein so hohes Maß an Tierfreundschaft. Während der Kuh Eugenes für rekordverdächtige Milchgaben gedankt wird, finde ich ein berührend schönes Schreiben an den offensichtlich sehr geliebten Hund Doodles Chow: „You’ve gone, old friend, a grieve too deep for tears.“

Pub-Bekanntschaften

Es ist schon Abend, als ich weiter Richtung Süd-Westen nach Kilkenny fahre, eine liebenswerte Kleinstadt, die sich durch die typisch irischen bunten Häuschen auszeichnet. So richtig müde bin ich noch nicht, also suche ich das auf, was es in Irland auch im kleinsten Dörfchen gibt: den Pub. Im Gegensatz zu jenen Dublins, in die man erst nach dem Erreichen des 18. Lebensjahres hineingelassen wird, feiern die Pubs in ländlichen Regionen echte Familienkultur. Eltern, Kinder, Omas und Opas ebenso wie Jugendliche treffen sich hier und haben zusammen Spaß. „Ein Fremder ist nur ein Freund, den man noch nicht kennt“, lautet ein irisches Sprichwort und tatsächlich habe ich schnell Anschluss gefunden. Die Zeit scheint stehen geblieben, keiner schaut auf sein Smartphone und alle plaudern lustig. Schließlich packen mehr und mehr ihr Musikinstrument aus, und fangen an, gemeinsam zu musizieren. Ein fast schon überfordernder Moment der Idylle und Harmonie.

Von Klosterruinen und dem südlichsten

Punkt Irlands

Gut ausgeschlafen breche ich am nächsten Morgen gen Westen auf, zu den Rocks of Cashel. Eine tatsächlich beeindruckende Ruine erwartet mich hier, wie sie einsam und verlassen auf einem Berg steht und von felsdurchtränkter, sattgrüner Wiese umgeben ist. Der sakrale Bau, umgeben von dieser absoluten Stille der irischen Einöde, jagt mir Schauer über den Rücken. Einen Tag später nehme ich die weite Reise zum südlichsten Punkt der Insel auf mich: Mizen Head (Miss’n-Häd gesprochen, nicht etwa Miezen-Häd). Vor allem bin ich hierher gekommen, weil mir die Pub-Familie von Walen und Delfinen erzählt hat, die sich hier oftmals beobachten ließen. Meerestiere kann ich leider keine erkennen, dafür begeistere ich mich für die wilde Felsenlandschaft, deren Anblick sich mir hier bietet.

Eier, Speck und Irlands Great Ocean Road

Das Städtchen Kenmare, direkt an der Küste und weiter im Westen gelegen, ist einen Besuch ebenfalls wert. Hier nächtige ich im Riverville House, das einer gemütlichen Irin namens Margaret gehört, die mir am nächsten Morgen Spiegeleier und Speck brät. Natürlich gibt es auch Toastbrot, das in Irland wahren Kultstatus genießt – neben Hurling übrigens, dem irischen Nationalsport, von dem ich vor meiner Reise wirklich noch nie etwas gehört habe. Mit Stock und Ball bewaffnet wird hier etwas ausgetragen, das sich mir auch beim dritten Match, das ich über diverse Pubfernseher bewundere, nicht erschließen will. Nach dem Genuss eines typisch irischen Frühstücks bin ich schon ganz hibbelig, weil ich mich so auf die nächste Etappe freue. Die Kenmare Bay entlang führt mich mein Weg heute zum Ring of Kerry, gewissermaßen die Great Ocean Road Irlands. Immer am Meer entlang genieße ich den steten Blick auf die in der Sonne glitzernden Wellen und fühle mich unendlich frei.

Prächtige Flora, schwierige Straßen

Auffällig sind in Irland die farbenprächtigen Gewächse, die überall gedeihen. Das Golfstrom-Klima, so mache ich mich schlau, ist verantwortlich für die milden Temperaturen, die den Sommer zwar nie wirklich heiß, den Winter jedoch auch nie wirklich kalt werden lassen. Die ideale Temperatur für allerlei Pflanzen und ein weiteres Plus, das Irland auf seiner Seite verbuchen kann. Als Minus sind hingegen wohl die Straßen zu nennen, auf denen man sich abseits der Autobahnen seinen Weg über die grüne Insel bahnt. Ziemlich holprig geht es dahin, und hatte man das Navi anfangs für verrückt erklärt, das für scheinbar läppische Distanzen stundenlange Autofahrten berechnet, so wird man bald eines Besseren belehrt. Im Endeffekt kein Beinbruch – nur Zeit, die braucht man auf Reisen durch Irland.

Die grüne Einsamkeit

Nicht weit von Kenmare ist auch der Killarney-Nationalpark, den ich als vorletztes Ziel aufsuche, und in dem ich mich in völliger Einsamkeit wiederfinde – abgesehen von der Gesellschaft tausender Schafe. Nach ausgiebigen Wanderungen durch Moor und Wiese, fahre ich schließlich Richtung Nord-Osten und muss nicht selten anhalten, weil ein blökendes Wollknäuel die Weiterfahrt versperrt. Bevor ich die Rückreise in den Osten nach Dublin antrete, gönne ich mir noch einen Abstecher an die Küste zu den Cliffs of Moher. Das grüne Festland, das ins Meer hineinragt, sieht aus, als wäre es von einer Schere abgeschnitten worden. Ein falscher Schritt – und es geht senkrecht in die Tiefe. Der tobende Wind, der an meiner Kleidung rüttelt, macht das Ganze nicht weniger gefährlich. Selten habe ich mich der Natur so nahe gefühlt. Aus irgendeinem Grund macht mich der brausende Sturm um mich herum seltsam glücklich. Lieber Seelenort, ich bin endlich angekommen.

Christine Gnahn

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