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Die große Verschwendung

Noch nie zuvor hat eine Gesellschaft so viel Energie und Ressourcen verbraucht wie heute. Und noch nie wurde die Umwelt so stark verschmutzt: Jährlich fallen in der Europäischen Union 1,3 Milliarden Tonnen Abfälle an.

Sie wäscht ihre Haare mit Seife, ihre Kunststoffbrille hat sie mit einer Fassung aus Bambus ersetzt. Eine Edelstahltrinkflasche ist ihre Alternative zur Petflasche geworden und ihre alte Zahnbürste hat sie gegen eine mit Holzstiel und Schweinsborsten ausgetauscht: Doris Koch lebt nun seit gut eineinhalb Jahren weitgehend ohne Plastik. Für die Salzburger Wirtschaftsstudentin war unter anderem der Film von Werner Bootes “Plastic Planet” die Einstiegsdroge. Boote beschreibt in diesem Film die Folgen des weltweiten Plastikbooms: die Auswirkungen auf unsere Gesundheit, die dauerhaften Schäden der Umwelt. Im Meer finden sich etwa so kleine Plastikteile, dass Fische sie mit Plankton verwechseln und fressen. So gelangt das Plastik auch in unser Essen. „Irgendwie hat es sich Schritt für Schritt einfach ergeben, und ich hab versucht, so viel Plastik wie nur möglich aus meinem Leben zu verbannen.“ Immer mehr Dinge einfach zu vermeiden, „wie etwa Plastiksackerl oder Plastikverpackungen von Lebensmitteln und Kosmetika“, erzählt die 24-Jährige.

Innovativ im Alltag

Langsam hat sie ihr Leben Stück für Stück umgekrempelt. Um Supermärkte macht sie einen Bogen; Lebensmittel bezieht sie jetzt großteils über eine Einkaufsgemeinschaft direkt vom Bauern. „Ich bin Mitglied bei einer Foodcoop. Das sind kleine Einkaufsgemeinschaften, die ihre Lebensmittel direkt beim Biobauern beziehen.“ Alternativen für Plastikprodukte zu finden, braucht mitunter Zeit und Nerven. „Alleine, wenn du dir mittags beispielsweise schnell etwas zum Essen besorgen willst“, meint die Morzgerin, die zumeist in Wien lebt. Sie schreibt über diese Hürden in einem Blog. Und über Bisphenole und Weichmacher, die in immer größeren Mengen in unseren Blutbahnen schwimmen. Doris Koch gibt Tipps, wie man selbst gutschmeckende Zahnpasta aus Birkenzucker herstellen kann – gemischt mit etwas Natron und gemörserten Zimtstangen oder mit Pfefferminze. Dass sie auf den Blog derart viele Reaktionen bekommt, hat sie leicht überrascht. Ihr Ziel ist jedenfalls erreicht: andere zum Nachdenken zu bringen und ihnen praktische Tipps zu geben, etwa: „Wie bastle ich in kurzer Freizeit einen Adventkalender? Oder auch: Wie kann man, ganz ohne Plastikverpackung, zu Toilettenpapier kommen? „Ich wollte nicht darauf warten, dass jemand anderer was macht. Ich wollte einfach selbst aktiv werden. Aus Idealismus“, ergänzt sie. Gänzlich plastikfrei ist ihr Leben trotz allem nicht. Manche Dinge, wie ein Handy, das braucht sie ganz einfach. Radikal wahrgenommen oder in eine Ökoecke gedrängt, will sie sowieso nicht werden, „denn sonst wird man nicht ernst genommen.“

Verbot Plastiksackerl

Jede Europäerin und jeder Europäer erzeugt pro Tag durchschnittlich ein Kilogramm Müll. Das sind durchschnittlich 490 kg im Jahr. 180 Millionen Tonnen Abfälle werden in den Haushalten in die Restmülltonnen geworfen. Alleine die Verpackungen, die wir in Europa im Laufe eines Jahres wegwerfen, wiegen so viel wie 4.000 Eiffeltürme zusammen.

Das Plastiksackerl ist dafür nur Parabel: Gerade produziert, landet es – nach kurzer Verwendung – direkt im Mistkübel (für den man noch eigene Plastikmüllsackerl kauft) und ist damit Symbol der Wegwerfgesellschaft. Es ist nicht so sehr sein Gewicht, es ist das Volumen. Plastiksackerl wiegen fast nichts. Füllt man sie aber mit allerlei Eingekauftem, wachsen sie im Minutentakt.

Das EU-Parlament beschloss unlängst zumindest, dass die Mitgliedsländer ihren Plastiksackerl-Verbrauch in den nächsten drei Jahren halbieren müssen. Bis 2019 soll er um 80 Prozent gesunken sein. Das kann mit kostenpflichtigen Sackerln oder Marktbeschränkungen erfolgen. Ausnahmen gelten für die Verpackung von Frischfleisch, frischem Fisch und Milchprodukten wie Käse.

Eins plus eins gratis

Immer mehr Essen landet auf dem Müll, pro Haushalt und Jahr sind es in Österreich etwa Lebensmittel im Wert von 300 Euro. Während pro Stunde weltweit 2200 Menschen verhungern oder verdursten, gehen in unserer „zivilisierten“ Welt bis zu 40 Prozent der Lebensmittel verloren. Der Frevel zieht sich durch die gesamte Wertschöpfungskette und fängt beim Produzenten, also beim Landwirt, an. Rund ein Drittel Obst und Gemüse kommt aufgrund von Erntebeschädigungen und anderen Gründen schon nicht im Handel an. Besonders unmoralisch ist dabei etwa die Vernichtung von Lebensmitteln, um den Marktpreis zu halten. 2009 wurden in der EU 11,5 Millionen Tonnen Äpfel produziert. Der EU-Markt verträgt aber nur etwa zehn Millionen. Also wurden 15 Prozent vernichtet. Der Verlust geht durch Transportschäden, Handelsnormen, Retourwaren und vieles mehr im Handel weiter. Letztendlich setzt der Konsument der Vernichtung die Krone auf: Unkontrollierter Einkauf, falsche Lagerung und letztendlich fehlende Wertschätzung führen dazu, dass in Österreich bis zu 166.000 Tonnen Lebensmittel im Restmüll landen – teilweise original verpackt.

Galt früher das Gesetz, Lebensmittel schmeißt man nicht weg, so gilt heute: „eins plus eins gratis“ oder „kauf drei, zahl zwei“.

Gezielter einkaufen

In der Landwirtschaft verderben sensible Lebensmittel wie Erdbeeren beim Transport oder in der Lagerung, und Hersteller vernichten Überproduktionen, wenn beispielsweise bei schlechtem Wetter weniger Grillprodukte bestellt werden. Händler entsorgen Lebensmittel bereits vor Ablauf des Mindesthaltbarkeits-Datums, und Bäckereien werfen Brot und Gebäckstücke vom Vortag weg. In Kantinen und Restaurants müssen Buffet- und Essensreste aus hygienischen Gründen entsorgt werden, und die Endverbraucher lagern ihre Lebensmittel falsch oder kaufen und kochen zu viel. Am häufigsten werden Obst und Gemüse entsorgt, gefolgt von selbst zubereiteten Mahlzeiten oder Fertiggerichten und Backwaren.

„Viele Leute haben keinen Überblick, was sie noch an Lebensmitteln zu Hause haben und was sie in den nächsten Tagen brauchen. Sie kaufen deshalb nicht gezielt ein“, sagt Felicitas Schneider vom Institut für Abfallwirtschaft der Universität Wien. Seit zehn Jahren untersucht die Diplom-Ingenieurin in Österreich den Müll und besonders die Lebensmittel darin. Sie hat herausgefunden, dass rund zehn Prozent des Restmülls der österreichischen Haushalte aus noch essbaren Lebensmitteln bestehen, in ländlichen Gegenden ist der Anteil geringer, in den Städten höher. „Das sind originalverpackte oder angebrochene, nur teilweise verbrauchte Lebensmittel“, so Schneider. „Die Reste von bereits zubereiteten Speisen machen noch einmal fünf Prozent aus.“ In ihren Müllanalysen fanden die Forscher vor allem Obst, Gemüse, Brot und Fleisch, aber auch alle anderen Produkte: „Sogar Konserven, die noch über ein Jahr haltbar waren.“

Schmeiß weg, kauf neu

Das Problem kennt jeder: Jedes Jahr kommt ein neues Handy mit mehr Funktionen auf den Markt, ein neuer PC, der die aktuellen Programme verarbeiten kann, ein Auto, das schneller und sparsamer ist. Die alten Modelle sind dann überholt. Und schlimmstenfalls werden sie dadurch schneller aussortiert, als es nötig wäre. Die Frage ist nur: Wer ist schuld daran – die Hersteller oder die Kunden?

Oder: Der Toaster gibt nach einem Jahr auf, der Staubsauger nach drei Jahren. Und der Fernseher muss schon nach sechs Monaten zur Reparatur. Wie ärgerlich! Und mancher mag in so einem Fall denken: Das hat doch Methode. Zu Recht? Der deutsche Betriebswirt Stefan Schridde hat den Eindruck, dass  dieser Murks Methode hat – nicht immer, aber immer öfter, schreibt er in seinem Buch „Murks? Nein, danke!“.

Immer mehr Konsumenten beschweren sich auch in der Konsumentenschutz-Beratung der Arbeiterkammer über Produkte, die knapp nach Ablauf der Gewährleistungsfrist kaputt gehen und sich auch nicht mehr reparieren lassen. Häufigster Grund für Verschleiß sei das falsche Material, beispielsweise Zahnräder aus Plastik, die für eine mechanische Belastung nicht ausgelegt seien. Natürlich gibt es keine Belege dafür, dass hinter der Kurzlebigkeit mancher Geräte böse Absicht steckt. Trotzdem fragen sich die Verbraucherschützer, warum ein Drucker nach einer bestimmten Anzahl gedruckter Seiten eine Fehlermeldung bringt und einfach nicht weiterarbeitet. Konsumentenschützer sprechen schon seit längerem im Fachjargon von „geplanter Obsoleszenz“. Damit ist gemeint, dass in Produkten bewusst Bestandteile verarbeitet werden, die vorzeitig altern oder geringere Qualität haben. Das Gerät kann dann schneller nicht mehr genutzt und muss früher ersetzt werden.

Qualität statt Quantität

„Es gibt kein Gesetz, das verbietet, schlechte Qualität zu verkaufen“, sagt Schridde. Er fordert eine Kennzeichnungspflicht, nach der Hersteller die geplante Lebensdauer des Produkts angeben müssten. Schridde empfiehlt, beim Kauf eines Produkts darauf zu achten, ob eine Reparatur überhaupt möglich ist. Ist das Gehäuse eines CD-Players verklebt oder verschraubt? Könnte man es im Notfall einfach aufschrauben? Ist der Akku des Handys herausnehmbar? Auch Rezensionen im Internet helfen bei der Kaufentscheidung.Geht ein Gerät allzu schnell kaputt, sollte der Kunde auch nach Ablauf der Garantiezeit noch beim Hersteller reklamieren und auf dessen Kulanz hoffen. Und je mehr Kunden sich wegen des gleichen Makels bei einem Produkt beschweren, desto eher reagiert der Hersteller.

Ein Projekt, das hierzu gegensteuert, sind die sogenannten Repair Cafés; in Österreich sind sie vielleicht noch nicht ganz so bekannt wie etwa in Deutschland. Hier treffen sich Menschen, um ehrenamtlich kaputte Dinge zu reparieren. Ob man defekte Geräte, Möbel oder Kleidung hinbringt – alles, was man mit einer Hand tragen kann, ist willkommen. Im Repair Café werden diese Schätze dann von freiwilligen Mitarbeitern repariert. Entstanden sind sie auch aus den Gedanken, dass Unmengen weggeworfen werden, auch Gegenstände, an denen nicht viel kaputt ist. Weil viele Menschen auch nicht mehr wissen, wie man etwas repariert.

Gesetze notwendig?

Die Europäer sollen deutlich mehr Müll wiederverwerten. Dazu hatte EU-Umweltkommissar Janez Potocnik im Juli ein Gesetzespaket vorgelegt. Es sieht vor, dass bis zum Jahr 2030 insgesamt in jedem Staat 70 Prozent des Abfalls recycelt werden, bei Verpackungsmüll sogar 80 Prozent. Das wäre eine Verschärfung des bisher geltenden Ziels von 50 Prozent bis 2020. Die Vorgaben betreffen Müll aus Haushalten, Büros und Restaurants, aber keine Industrieabfälle. Potocnik betonte: „Abfall ist eine Riesen-
chance“ und kritisierte: „Nicht alle haben das schon in Gänze begriffen. Wir sind heute sieben Milliarden Menschen auf unserem Planeten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren wir 1,5 Milliarden. Seit dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts bewegen wir uns in einer zerbrechlichen Phase unserer Gesellschaften und unseres Planeten“, sagt Janez Potocnik. „Wir führen Krieg um Ressourcen“, fügte der scheidende polnische EU-Kommissar an. Potocnik galt als der Philosoph in der EU-Kommission, deren Amtszeit zu Ende gegangen ist. Sein Einsatz für mehr Nachhaltigkeit und den schonenden Umgang mit der Erde war geschätzt. Nach seiner letzten Rede verabschiedete ihn das Europa-Parlament mit einer stehenden Ovation.

Maria Riedler

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