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„Der Maßstab ist die Natur und der Respekt vor Eigentum“

Der Anlass für dieses Gespräch ist die Wahl von Maximilian Mayr-Melnhof zum Landesjägermeister – einer Position, die gesellschaftlich eine etwas exponierte ist, die als solche mit vielen Vorurteilen verbunden wird. Dass viele Pflichten und Aufgaben mit diesem Ehrenamt einhergehen, ist schon weniger bekannt, und dass eine große Verantwortung für die Natur und Bevölkerung auch gesellschaftliche Akzeptanz erfordern, ebenso.
Ein Artikel von René Herndl
Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Herr Mayr-Melnhof, ganz abseits des neuen Amtes als Landesjägermeister: Wo sehen Sie sich in der Salzburger Gesellschaft, wie sehen Sie sich selbst? Als Teil jenes Salzburgs, das sich im Glanz der Salzburger Festspiele sonnt, als Nachfahre eines autoritären Erzbistums oder als Bürger unter Bürgern, als Teil einer Bevölkerung, die sich als Gemeinschaft versteht?
Ich bin ein einfacher Bürger unter ebensolchen. Mit dem Begriff „Gesellschaft“ kann ich wenig anfangen, sehe ihn in unserer Zeit als nicht besonders positiv besetzt, auch weil er ein „Ranking“ einschließt, das ich nicht akzeptieren kann bzw. ignoriere. Ich sehe in dieser Kategorisierung eher den Ausdruck von Neid, der meiner Abneigung gegen das „Schaulaufen“ und gegen Adabeis entspricht. Kurzum, ich sehe mich gesellschaftlich nirgends, bestenfalls als Teil eines Ganzen. Autorität begründet sich im Wissen, im Verständnis dafür, wo was herkommt, aber für mich sicher nicht durch eine gesellschaftliche Position.

Die Familie Mayr-Melnhof hat sich auch immer wieder politisch engagiert: Vater Friedrich Mayr-Melnhof war in den 80er-Jahren Landesrat, Schwester Doraja Eberle mehr als sieben Jahre lang Landesrätin in der Salzburger Landesregierung. Wo liegt Ihr politisches Interesse? Wo positionieren Sie sich in dieser politisch polarisierten Welt?
Mein Interesse ist ein umfassendes, es liegt dort, wo Menschen etwas bewegen wollen, gleichgültig ob es meiner Meinung entspricht. Ich will und werde mich nicht politisch vereinnahmen lassen, ein politisches Engagement in parteipolitischem Sinn kommt für mich nicht in Frage. Meine Position ist die eines Menschen, der Extreme ablehnt, der die Freiheit an die erste Stelle rückt, auch wenn eine Intention meiner entgegenläuft, mit der ich mich auseinandersetzen werde, um den anderen zu verstehen.

Ihr Umgang mit anderen Menschen ist ein meist freundschaftlicher, Sie sind mit allen Mitarbeitern per „Du“, auch mit den Bewohnern Ihrer Dorfumgebung. Wie behandeln Sie fremde Menschen und wie möchten Sie behandelt werden?
Ich gehe auf Menschen so zu und möchte so behandelt werden, wie sich das jeweilige Gegenüber wünscht, selbst behandelt zu werden. Ich bin unabhängig und darf mein Herz auf der Zunge tragen. Das ist kein Privileg, diese Möglichkeit zu haben, es ist auch keine Selbstverständlichkeit, es ist ein Glück, das ich als solches empfinde. Der Maßstab ist der Respekt vor der Natur, der auch auf Menschen anwendbar ist.

Beeinflusst Ihr nahes Verhältnis zur Natur, das Bewusstsein mit und von ihr zu leben, Ihren Umgang mit Menschen? Und ist dies auch die Ursache, sich als Landesjägermeister zur Verfügung zu stellen?
Ja. Ich unterscheide grundsätzlich zwischen jenen, die die Natur nützen, sich auch des Wertes der Natur bewusst sind und jenen, die sie bloß be-nützen. Grundbesitz verpflichtet gleichsam, weil ich den eigenen Besitz erhalten möchte, ihn pflege und den gesunden Bestand zumindest erhalten möchte. Natur ist kein Konsumartikel! Ich darf keinen Raubbau betreiben, ich beschütze die Natur, auch weil ich mich als Grundbesitzer als echten „Grünen“ sehe, natürlich nicht im politischen Sinn.

Der Mensch zerstört aber immer mehr Natur, zersiedelt Lebensräume von Wildtieren, hat sogar unliebsame Nahrungskonkurrenten, nämlich Raubtiere, weitgehend ausgerottet. Wo sehen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle der Jagd bzw. der Jäger? Gibt es für Sie einen Widerspruch zwischen der Jagd und einer modernen Gesellschaft, die mehrheitlich utilitaristisch geprägt ist?
Entscheidend ist der „biologische Fußabdruck“, den wir hinterlassen. Die Veränderungen dieser Welt gehen oftmals schneller als uns lieb ist und wir müssen darauf achten, mit der allgemeinen Entwicklung Schritt zu halten, indem wir den Status quo zumindest erhalten. Wir stehen in einem Konflikt zwischen der „Einmischung“ in die Natur und der Eigenverantwortung für unsere Lebensgrundlage. Dieser Zwiespalt prägt auch das Verhältnis zwischen Jagd und Gesellschaft, der aber kein Widerspruch ist, sondern ein Konflikt der Wahrnehmung und der Information, den es zu bearbeiten gilt. Die Jagd ist auch wegen der fehlenden Fressfeinde ein Regulativ, das, wie jeder Eingriff in die Natur, fortwährend zu hinterfragen ist. Das Prinzip muss sein, dass jeder Mensch ordentlich mit der Natur umzugehen hat bzw. hätte.

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Was, glauben Sie, würde passieren, wollte man wieder Raubtiere (etwa Bären und Wölfe) in ihrem ursprünglichen Lebensraum ansiedeln?
Die Frage ist hier doch eher, ob das überhaupt noch funktioniert. Welche Menge, welche Population ist möglich und richtig? Was passiert, würden Raubtiere wieder angesiedelt, was ja dort und da bereits erfolgt ist? Welche Auswirkungen hat das für den Tourismus, für die Landwirtschaft, also auch für Viehbauern?
Schon jetzt werden in den Tauern z.B. Schafherden nicht mehr auf Almen getrieben, weil der Schaden durch vereinzelte Wölfe zu groß wäre. Jeder Wolf kostet, wie wir aus der Schweiz wissen, den Steuerzahler rund 150.000 Euro pro Jahr, etwa durch Schadensregulierung. Auch die Folgeerscheinungen wären kostenintensiv, beispielsweise wegen der Flucht-distanz des Rotwilds, das sich in Regionen zurückziehen würde, wo dann verstärkter Verbiss dem Wald enorm schaden würde. Hier ist eine Ökoromantik vollkommen unangebracht. Überdies haben sich einige Populationen, auch Einzeltiere bereits wieder angesiedelt, die jedenfalls auch einer Beobachtung, Kontrolle und Regulierung bedürfen.

_MG_2800Wo sehen Sie die Grenze zwischen individuellem Besitz und öffentlichem Interesse, d.h. Nutzung durch die Allgemeinheit und gesetzliche Regelungen dafür? (siehe Raumordnung)
Individuellen Besitz gibt es eigentlich nicht mehr. Der Gesetzgeber greift überall ein und reguliert sogar, was und wie man mit Besitz umgehen darf oder muss. Was auch das Bewusstsein großer Teile der Bevölkerung beeinflusst – der Mensch will alles nutzen und benützen, dafür aber nichts geben, nicht einmal Verantwortung übernehmen. Wer übernimmt bei Unfällen und dergleichen die Haftung? Forststraßen sollen für alle offenstehen, der Grundbesitzer aber soll geradestehen, wenn etwas passiert. Die Menschen wollen alle gerne im Grünen wohnen und dafür eine Baugenehmigung, aber ganz alleine. Das Florianiprinzip ist fast Allgemeingut: Was man für sich selbst gerne in Anspruch nimmt, sollte für andere keinesfalls gelten. So ist´s mit dem Privatbesitz, der jedermann offenstehen sollte, aber der eigene Garten ist ein Exklusivanspruch, der Naturschutz gilt überall, außer es betrifft den eigenen Garten. Alles soll bestens gepflegt sein, die Waldwege instand gehalten werden, aber keiner fragt den Alpenverein, wie und womit er das schafft. Wildtiere  sind plötzlich gar nicht so schützenswert, wenn die Felder leer gefressen werden. Das öffentliche Interesse kann nicht auf Kosten der Grundbesitzer befriedigt werden, wie auch nicht jeder einfach auf die Jagd gehen darf. Die Verantwortlichkeit muss genau geregelt sein. Was aber nicht in einer Quasi-Enteignung münden darf. So ist auch die neue Raumordnung nur sehr bedingt geeignet, die Zersiedelung zu stoppen, die übrigens auch für die Wildtiere ein Problem sein kann, aber nicht un-bedingt sein muss.

Und Ihre Ziele als Landesjägermeister sind?
Ich möchte vor allem kommunizieren und deutlich machen, dass die Jagd kein Privileg ist, sondern eine Aufgabe, für die umfangreiches Wissen und eine starke Bindung zur Natur Bedingungen sind. Ich möchte klarmachen, dass hier viel Pflege, Aufwand und Liebe zur Natur notwendig sind – aber ebenso, dass man auch als Wanderer, Berg-steiger, Biker etc. Rücksicht auf die Natur nehmen muss. Und ich wäre froh, wenn man in der Politik etwas mehr Verständnis und Kommunikationsbereitschaft zeigen würde.

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