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Der kleine Unterschied

Frauen haben andere gesundheitliche Risiken als Männer, andere Krankheitssymptome und auch so manches Medikament wirkt bei ihnen anders. Trotzdem werden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der Medizin vernachlässigt.

Dass sich Männer und Frauen grundsätzlich unterscheiden, ist eigentlich bekannt. Auch in der Medizin werden geschlechtsspezifische Erkrankungen entsprechend behandelt: Brustkrebs und Schwangerschaft beim Gynäkologen, Erkrankungen der Prostata beim Urologen. Inzwischen hat sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass Frauen tatsächlich bei vielen Erkrankungen anders krank werden als Männer und dass gerade in der Medizin neue Behandlungsansätze notwendig sind. Ob in der Vorsorge, der Diagnostik oder der Wahl der richtigen Therapie – es wird immer deutlicher, dass der „kleine Unterschied“ so klein gar nicht ist. „Das Ziel der Gender-Medizin ist es, eine bestmögliche Lebensqualität und medizinische Versorgung für Männer und Frauen aller Altersstufen zu erreichen“, sagt Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer vom Lehrstuhl für Gender-Medizin der Medizinischen Universität Wien.  Eine besondere Bedeutung bei der Gesundheit von Mann und Frau spielt die Wirkung der Geschlechtshormone. „Männer bekommen schon in jüngeren Jahren öfter Bluthochdruck als Frauen, ab 50 gleicht sich das Geschlechterverhältnis aber an und dreht sich schließlich im weiteren Verlauf sogar um“, schildert Kautzky-Willer. So ist auch bekannt, dass das weibliche Sexualhormon Östrogen die Gefäßwände vor schädlichem oxidativem Stress sowie vor Substanzen schützt, die Arteriosklerose auslösen können.

Frauenherzen schlagen anders

Wegen der Östrogene ist das Herzinfarktrisiko für Frauen vor dem Wechsel um bis zu 50 Prozent niedriger als bei Männern und steigt dann kontinuierlich an. Allerdings endet für Frauen unter 60 ein Herzinfarkt häufiger tödlich: 38 Prozent sterben im ersten Jahr nach dem Infarkt, bei den Männern sind es 25 Prozent. Auch ein Schlaganfall, der bei Frauen im Durchschnitt fünf Jahre später auftritt, verläuft meist schwerer. Immer noch zu wenig bekannt ist, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den industrialisierten Ländern die häufigste Todesursache für Frauen darstellen. Die Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht belasten Frauenherzen besonders stark. Durch Nikotin wird das Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu bekommen, bei Männern um das 2,5-fache, bei Frauen um das 4,5-fache gesteigert. Männliche Diabetiker haben ein 2fach erhöhtes Risiko, weibliche Diabetikerinnen hingegen ein mehr als 4fach erhöhtes Risiko, ein Herz-Kreislauf-Problem zu bekommen – verglichen mit gesunden Männern und Frauen. Und die weit verbreitete Meinung, dass Frauen belastbarer sind als Männer, sollte dringend ins Reich der Märchen verbannt werden: Negativer beruflicher Stress erhöht bei den Frauen das Risiko für einen Herzinfarkt um 69 Prozent, durch Stress im familiären Bereich wird das Risiko sogar um 300 Prozent gesteigert. 

Medikamente für Mann und Frau

„Es gilt mittlerweile als erwiesen, dass Frauen anders auf bestimmte Medikamente reagieren als Männer. Und dies ist nicht – wie die längste Zeit angenommen –
ausschließlich durch die Unterschiede in Körpergröße und Gewicht begründet, sondern hat seine Ursachen auch im unterschiedlichen Stoffwechsel und Hormonhaushalt der Frauen“, betont Kautzky-Willer.

Frauen haben von Geburt an eine höhere Herzfrequenz als Männer. Manche Medikamente können bei ihnen sogar zu Herzrhythmusstörungen führen. Ihr Risiko für unerwünschte oder gefährliche Arzneimittelwirkungen ist um das 1,7-fache erhöht. Während zum Beispiel Medikamente, die man bei Herzrhythmusstörungen einsetzt, bei Männern gut wirken, verschlimmern sie bei Frauen mitunter die Symptome. Auch ACE-Hemmer – Medikamente, die man bei Bluthochdruck oder einer Herzinsuffienz verschreibt – werden von Frauen schlechter vertragen. Vom ACE-Hemmer-Husten sind sie vier Mal so oft betroffen wie Männer. Der Grund für die schlechte Verträglichkeit mancher Medikamente liegt in der einseitigen Medikamentenforschung: Lange Zeit war es üblich, einen neuen Wirkstoff ausschließlich an Männern zu testen und die Ergebnisse einfach auf die Frauen zu übertragen. So wollte man ausschließen, dass der schwankende Hormonspiegel der Frauen die Studienergebnisse beeinflusst. Wie problematisch diese Vorgehensweise ist, zeigte schließlich eine groß angelegte US-amerikanische Studie über die Wirksamkeit der antiviralen HIV-Therapie: Sie ergab, dass Männer durch die Behandlung eine um 30 Prozent verbesserte Überlebensrate hatten, während Frauen aufgrund der Therapie um 20 Prozent häufiger starben. Der Grund: Sie waren schlichtweg überdosiert.

„Um unbekannte Medikamentenwirkungen auf den weiblichen Körper zu vermeiden, sollen zukünftig in alle Phasen der klinischen Studien mehr Frauen integriert werden“, fordert Univ.-Prof. Alexandra Kautzky-Willer. Für verschiedene Medikamente, beispielsweise Antibiotika oder Schlafmittel, werden derzeit außerdem Dosierungsrichtlinien für Frauen diskutiert. Das Credo: „Frauen brauchen eine niedrigere Dosis.“

„Darüber hinaus spielen bei der Aufnahme von Wirkstoffen unter anderem der Anteil an Fett- und Muskelmasse sowie der Wassergehalt des Körpers eine Rolle. Wegen des höheren Körperfettanteils wirken Medikamente mit fettlöslichen Substanzen bei Frauen oft länger, während manche arzneilichen Wirkstoffe langsamer in der Leber metabolisiert und von den Nieren in geringerem Ausmaß gefiltert werden als bei Männern.“

Werden diese Unterschiede nicht berücksichtigt, können gefährliche Nebenwirkungen und die Gefahr der Überdosierung (Toxizität) die Folge sein. Aus diesem Grund dürfte in Zukunft besonders die Frage nach der unterschiedlichen Reaktion von Männern und Frauen auf bestimmte Arzneimittel (Herzmedikamente, Mittel gegen Krampfanfälle, Mittel zur Beeinflussung der Blutgerinnung) im Fokus der noch jungen Disziplin Gender-Medizin stehen.

Die neuen Schwächen des starken Geschlechts

In populären Zeitschriften wird das Thema Männergesundheit oft mit sportlicher Fitness, Waschbrettbauch und Leistungsfähigkeit im Bett gleichgesetzt. Die medizinische Forschung zeigt dagegen: Das „starke Geschlecht“ hat sich zum Problemfall entwickelt. Statistisch betrachtet haben Männer eine fünfeinhalb Jahre kürzere Lebenserwartung als Frauen. Dreimal mehr Männer als Frauen begehen Selbstmord. Und im Alter von 40 bis 50 Jahren haben Männer ein fünffach höheres Herzinfarkt-Risiko. Durch den demografischen Wandel wird es in Zukunft erheblich mehr ältere Menschen geben. Die körperlichen Veränderungen im Alter sind heute nicht mehr nur für Frauen ein Problem, auch Männer eifern jugendlichen Idealen nach. Die Lücke zwischen Wunschbild und Wirklichkeit klafft auch bei ihnen immer weiter auseinander. Auffallend ist, dass es wenig systematische Untersuchungen zur Männergesundheit gibt. Ein Trend lässt sich jedoch jetzt schon belegen: Bei Männern nehmen psychische Erkrankungen zu. Dahinter stecken vor allem geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Stressbewältigung. Man kann das auf den Punkt bringen: Frauen reden, Männer schweigen und trinken. Ein deutscher Männergesundheitsbericht kommt zum Schluss, dass es noch viel zu wenige Ansätze in der Diagnostik, der Therapie und der Prävention psychischer Erkrankungen gibt, die den besonderen Bedürfnissen von Männern gerecht werden. Wenn auch das Thema Männergesundheit von Forschung, Politik und Öffentlichkeit stärker in den Blick genommen wird, lassen sich Gesundheitsangebote verbessern. Dabei ist oft nicht nur die Medizin gefragt, sondern vor allem die Gestaltung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – im Berufsalltag, im Umgang mit dem Älterwerden und in der Art, wie Junge mit dem Thema Gesundheit konfrontiert werden.

Beschwerden beobachten und schildern

Bleibt noch die Frage zu klären, was die Erkenntnisse der Gender-Medizin für Patienten bedeuten. Kautzky-Willer rät zu mehr Selbstbewusstsein. „Man kann und soll den Arzt ruhig mit Fragen konfrontieren wie: Ist dieses Medikament für mich geeignet? Passt es zu meinem Alter, Gewicht oder zu den anderen Medikamenten, die ich nehme? Sind bei der Einnahme, bei möglichen Nebenwirkungen oder der Verträglichkeit Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu beachten? Gibt es eventuelle Alternativen einer Therapie? Außerdem ist es wichtig, die Beschwerden genau zu beobachten und diese dem Arzt oder der Ärztin detailliert zu schildern. Ansonsten kann eine gute Therapie nicht klappen. Vielen Menschen hilft es auch, wenn sie Fragen und Probleme vor dem Arztbesuch aufschreiben.“

Österreichs erste Professorin für
Gender-Medizin im Interview

Die SALZBURGERIN sprach mit Univ.-Prof. Alexandra Kautzky-Willer; erste Professorin, die Österreich auf diesem Gebiet zu bieten hat. Sie ist Lehrstuhlinhaberin für Gender Medicine an der Medizinischen Universität Wien.

Sie sind Österreichs erste Professorin für Gender-Medizin. Was sind Ihre Hauptaufgaben?

„Der interdisziplinäre, wissenschaftliche Zugang über geschlechterspezifische Medizin im Allgemeinen, also nicht nur in meinem Fachgebiet der Inneren Medizin (Schwerpunkt Diabetes, Adipositas, Stoffwechsel- oder Hormonerkrankungen). Die Darstellung von biologischen und psychosozialen Unterschieden zwischen Männern und Frauen. Diabetes betrifft beispielsweise fast jedes Organ und Männer und Frauen in unterschiedlichem Ausmaß. Hier gilt es, Kooperationen mit anderen Abteilungen und Forschungsgruppen zu initiieren und zu halten. Obwohl in vielen internationalen Publikationen und Journalen immer mehr auf die Bedeutung der geschlechtsspezifischen Behandlung von Erkrankungen hingewiesen wird, ist es wichtig, sich hier aktiv einzubringen. Und überhaupt Zugang zu globalen Pharma-Studiendaten zu finden und bei Forschungsfragen von Beginn an dabei zu sein und Gender-Analysen einzufordern. Neben der wissenschaftlichen Arbeit und Lehre ist auch die postgraduelle Fortbildung wie unser Universitätslehrgang Gender-Medizin für alle Gesundheitsberufe sehr wichtig. Ebenso die künftige Diplom-Fortbildung durch die österreichische Ärztekammer und selbstverständlich auch die praktische Patientenversorgung.“

Inwieweit ist Gender-Medizin wichtig?

„Nur als Beispiel: Frauen und Männer reagieren anders auf bestimmte Medikamente. Manche Medikamente wirken bei Frauen stärker, andere werden rascher abgebaut. Jedes Medikament ist einzeln zu prüfen. So wurde etwa bei Diabetes festgestellt, dass ein bestimmtes Medikament bei Frauen nach der Menopause häufiger zu Knochenbrüchen führt. Das Medikament war zu dieser Zeit aber schon längst am Markt, in Zulassungsstudien war diese Nebenwirkung nicht beachtet worden.

Geschlechterspezifische Medizin betrifft jeden Fachbereich der Medizin. Bei Herzerkrankungen weiß man schon seit den 90er Jahren, dass Frauen hier schlechter abschneiden. Trotzdem gibt es immer noch Probleme in der Diagnostik und Therapie bei Herzinfarkten oder Schlaganfällen bei Frauen, dass sie eben nicht so gut erkannt oder schlechter versorgt werden.“

Werden Geschlechterunterschiede in Prävention und Behandlung nach wie vor ignoriert?

„Es wäre gut, wenn hier einfach prinzipiell immer an die teilweise großen Unterschiede der Geschlechter gedacht würde. Bei Diabetes haben Frauen beispielsweise ein vielfach höheres Herz-Kreislauf-Risiko, die Erkrankung wird aber oft lange nicht erkannt. Deshalb sollten bei Frauen mit Risikofaktoren Zuckerbelastungstests gemacht werden, um Diabetes möglichst früh zu erkennen und Folgeschäden vorzubeugen. Bei Schlaganfällen gibt es für Frauen jetzt sogar eigene amerikanische Empfehlungen, die frauenspezifische Risikofaktoren einschließen und auf die Wichtigkeit der Blutverdünnung hinweisen, die bei Frauen seltener durchgeführt wird.“

Maria Riedler

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