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Der Duft der Kindheit

Damals das Eis vor dem Grand Hotel in Zell am See war einfach das beste, das ich jemals gegessen habe. Und an einen tolleren Spielplatz wie an jenen in Italien mit dem großen Trampolin kann ich mich nicht erinnern. Kindheitserinnerungen sind nachhaltig und prägen uns. Doch wie funktionieren unsere Erinnerungen? Spielt uns unser Gedächtnis auch manchmal einen Streich?
 Ein Artikel von Marion Flach

Früher war alles besser und schöner. Und Dinge, an die wir uns erinnern, strahlen in satten Farben und duften intensiv. Vor allem Erinnerungen an unsere Kindheit leuchten dabei besonders stark. Erfahrungen und Erinnerungen sind es auch, die uns prägen und uns zu dem machen, was wir sind.

Foto: armyagov.com – fotolia.com

Bindung

Erfahrungen beginnen schon vor der Geburt im Mutterleib und führen dazu, „dass jedes Kind seine Mutter nach der Geburt in dieser für es fremden Welt sofort wiedererkennt und sich bei ihr geborgen fühlt“, schreiben Gerald Hüther und Uli Hauser in ihrem Buch „Jedes Kind ist hoch begabt“. Alle Kinder kämen außerdem als unverwechselbare Wesen auf die Welt. Erfahrungen zu sammeln – und damit Erinnerungen zu speichern –, scheint das ureigenste Bestreben von Kindern und von uns Menschen im Allgemeinen zu sein.

Provokant fragen die beiden Autoren in ihrem Buch auch, ob man sich erinnere, ob man selbst es gewesen sei, der über die Richtung entschied, die man eingeschlagen hat. Da ist es wieder – das „Sich erinnern.“ Aber was heißt das eigentlich?

Ich denke, also bin ich!

Auch Julia Shaw beschäftigt sich in ihrem Buch „Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht“ mit der Frage, was Erinnerungen für uns bedeuten und was sie mit uns machen. Sie geht davon aus, dass unsere Erinnerungen auch das sind, was uns und unsere Persönlichkeit ausmachen. Wenn wir uns beschreiben, gehen wir meist von Alter, Geschlecht oder Beruf aus. „Doch obwohl all diese Stichworte mehr oder weniger angemessen definieren mögen, wer wir sind, liegt die wahre Wurzel unserer Identität fast sicher in unseren persönlichen Erinnerungen.“ Sie sind der Schatz, aus dem heraus wir unsere Welt verstehen und unseren Weg formen – übrigens ein Ansatz, der in ähnlicher Weise auch bei Paul Watzlawick zu finden ist.

„Das Gedächtnis arbeitet konstruktiv. Es arbeitet rekonstruktiv. Das Gedächtnis funktioniert ein bisschen wie Wikipedia: Sie können es aufrufen und es verändern, aber andere können das auch.“

Elizabeth Loftus

Geformt und konstruiert

Setzt man sich mit dem Thema Erinnerung auseinander, so beginnt man doch gleich selbst, in der eigenen Schatztruhe zu kramen. Was ist denn nun das erste Erlebnis, an das ich mich wirklich erinnere? Kenne ich es nur von Fotos und Erzählungen oder ist es wirklich in meinem Kopf gespeichert?

Tatsache ist, dass wir uns an unsere allerfrüheste Kindheit nicht erinnern können, weil das ganz einfach unser Gehirn nicht zulässt. Die Hirnstrukturen verändern sich noch so rasend schnell, dass sie Erlebnisinformationen nicht bis ins Erwachsenenalter speichern können. Qi Wang, eine amerikanische Gedächtnisforscherin, geht davon aus, dass Erinnerungen ganz individuell ab einem Alter von zwei bis fünf Jahren erstmals abgespeichert werden können. Die Zeit davor bleibt quasi im Dunkeln, was in der Psychologie als „infantile Amnesie“ bezeichnet wird.

Foto: Konstantin Yuganov – fotolia.com

In Bewegung

Wenn unser Gehirn dann aber fähig ist, Erinnerungen zu speichern, bleibt es dennoch immer in Bewegung: „Die Zellen in unserem Gehirn, die Neuronen, verbinden sich miteinander zu sinnvollen Netzwerken, und diese Netzwerke verändern sich unter der Einwirkung neuer Erfahrungen“, beschreibt Julia Shaw. Sind diese Netzwerke stark genug, werden sie in ähnlichen Situationen immer wieder abgerufen und aktiviert. Haben wir gespeichert, dass wir auf den Bergen immer entspannt und glücklich sind, holen wir dieses Gefühl bzw. diese Erinnerung sofort an die Oberfläche, wenn wir das nächste Mal in den Bergen sind. Allerdings sind unsere Erinnerungen – genau wie unser Gehirn – beweglich. Und sie sind täuschbar!

So kam Julia Shaw in einem Experiment zu folgendem Ergebnis: „Erinnerungen von Menschen sind beeinflussbar, und zwar durch sozialen Druck und bestimmte Abruftechniken, die dazu führen, dass sie sich Dinge vorstellen und diese imaginierten Dinge fälschlicherweise für echte Erfahrungen halten. Das passt gut zu Forschungsarbeiten anderer Teams, die erfolgreich andere Arten von emotional besetzten falschen Erinnerungen implantiert haben.“ Das klingt jetzt ziemlich brutal und manipulativ. Die meisten kennen das aber wahrscheinlich sogar: Oftmals verschwimmen Grenzen zwischen Geschichten und Erinnerungen. Das gilt gerade auch für Erlebnisse aus der Kindheit: Oft weiß man gar nicht, ob man wirklich dabei war, sich selbst daran erinnern kann oder Fotos und Erzählungen unter dem Deckmantel des Erlebnisses abgespeichert hat. Studien haben auch ergeben, dass zu tatsächlichen Ereignissen neue, erfundene Anteile dazu verknüpft werden können und so ‚falsche‘ Erinnerungen entstehen. Das Gedächtnis kann also trügerisch sein, wie es Julia Shaw in ihrem Buch ausdrückt.

„Wir erinnern nicht das, was war, sondern wie wir das, was war, sehen wollen.“

Georg Wilhelm Exler

Sprachschatz

Bei dieser Verknüpfung und Veränderung von Erinnerungen hat die Sprache einen großen Einfluss. Durch das Erzählen und in Worte fassen wird im Gehirn eine zweite Spur gelegt: „Eine Erinnerung an die Zeit, zu der wir ein Erlebnis beschrieben haben, und eine an die Zeit, zu der wir das Erlebnis tatsächlich hatten. Die Erinnerung an die Versprachlichung scheint die Oberhand über unser ursprüngliches Erinnerungsfragment zu gewinnen“, erklärt Shaw. Durch die Sprache bleiben unsere gespeicherten Erlebnisse also zusätzlich in Bewegung und verändern sich immer wieder.

Das könnte auch das Phänomen erklären, warum unsere Kindheitserinnerungen besonders schön, intensiv und bunt sind: Immer wieder erzählen wir davon, schmücken aus, ergänzen (unbewusst) etwas. Man könnte nun natürlich anmerken, dass das doch gefährlich ist, weil wir uns selbst und andere manipulieren: Der Mensch hat die Fähigkeit, Schlechtes zu verdrängen und auszublenden und sich auf das Gute und Positive zu beziehen. Unsere Kindheitserinnerungen sind unser Schatz, den wir hüten und ins richtige Licht rücken. „Jede neue Entdeckung, jede neue Erkenntnis und jede neue Fähigkeit löst im Gehirn von Kindern einen für uns Erwachsene kaum noch nachvollziehbaren Sturm der Begeisterung aus. Diese Begeisterung über sich selbst und über all das, was es noch zu entdecken gibt, ist der wichtigste ‚Treibstoff‘ für die weitere Entwicklung des Gehirns“, schreiben Gerald Hüther und Uli Hauser in ihrem Buch. Diese Begeisterung ist es vielleicht auch, die wir uns behalten möchten – und uns immer wieder daran erinnern, an das Eis, den Spielplatz und die intensiven Düfte.

„Erinnerungen – manchmal Oasen in der Wüste des Alltags.“

Klaus Seibold

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