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Börse – ein realistischer Blick auf das Jahr 2017

Das Jahr 2016 hat den Anlegern gezeigt, wie schnell sich die Börse von Turbulenzen à la Brexit erholen kann. Worauf es jetzt zu achten gilt, prognostizieren Helmut Nuspl (Oberbank) und Alois Wögerbauer (3-Banken-Generali) in ihrem Ausblick 2017 anlässlich des Private Banking Neujahrslunchs der Oberbank.

Helmut Nuspl


B
evor man Prognosen für das Jahr 2017 stellt, sollte man sich einen Moment der Selbst-reflexion gönnen: Welche Erwartungen hätten wir gehabt, hätte uns jemand heute vor einem Jahr prophezeit, was 2016 dann tatsächlich auf uns zukam? Brexit, Donald Trump als US-Präsident, ein „Nein“ zu Italiens Verfassungs-Referendum. Hätte man dies vorab gewusst, man hätte seine Aktien wohl verkauft. Und wäre damit einem Fehler unterlegen! Die Börsen erholten sich umgehend: drei Tage dauerte es nach der Abstimmung zum Brexit, drei Stunden nach der Wahl Donald Trumps, drei Minuten nach Italiens Nein zum Verfassungs-Referendum. Was uns 2017 erwartet, bleibt spannend. Ein großes Fragezeichen symbolisiert die politische und wirtschaftliche Gegenwart wohl am besten. Vielleicht ein kurzer Abriss der Historie: Mit dem Zusammenbruch der UdSSR vor 25 Jahren, dem Niedergang des Kommunismus und der Öffnung Chinas wuchs die Weltwirtschaft auf einen Schlag um drei Milliarden  Menschen. Alle Zeichen standen auf Globalisierung. Hunderte Milliarden Devisenreserven flossen in Staatsanleihen und niedrige Zinsen führten zum Investitionsboom und einer Warenschwemme. Die Folgen sind bekannt: Technologie-Boom und Immobilien-Bubble.

Seit 2008 sind nun drei übergelagerte Trends zu beobachten:

1. Mögliches Ende der Globalisierung und Trend zu Populismus und Nationalismus

2. Relativ schwaches Wachstum der Weltwirtschaft

3. Instabilität in exportorientierten Ländern

Wenn wir uns nun besonders auf die Entwicklung des vergangenen Jahres besinnen, konstatieren wir heute, dass die aktuellen Wirtschaftsdaten besser sind als Anfang 2016 angenommen: Finsternis, Rezession und Deflation sind ausgeblieben, ebenso der Zusammenbruch Europas. In den USA kommt es zur viel diskutierten Zinswende, die US Notenbank hebt im Dezember den Leitzins zum zweiten Mal innerhalb des Jahres auf 0,75%. Parallel dazu reduziert die EZB ihre Anleihenkäufe von 80 auf 60 Milliarden Euro pro Monat, ähnlich wie die Fed vor etwa zweieinhalb Jahren die Zinswende einläutete. Derselbe Prozess steht nun in Europa in den Startlöchern. Droht aufgrund der steigenden Zinsen nun eine Rezession in den USA? Nein, weil die steigenden Zinsen die defla-tionäre Entwicklung stoppen und damit eine Deflations-Spirale vermeiden.

Gefahr Zinswende?

Eine mögliche Zinswende, wie sie in den USA gerade stattfindet, wird gerne als „große Gefahr“ dargestellt. Doch das Risiko ist überschaubar. Die bestehenden Anleihen haben Laufzeiten von vielen Jahren, in Österreich beispielsweise liegt die durchschnittliche Laufzeit bei knapp 8 Jahren. Aufgrund dieser Laufzeitenstruktur dauert es mehrere Jahre, bis sich eine Zinswende spürbar auswirkt. Von der manipulativen geldpolitischen Wirtschaftssteuerung geht der Trend hin zur Steuerung durch den Markt, wie es derzeit bereits in den USA geschieht. Typisch für solche Transformationsphasen sind große Marktschwankungen auf ALLEN Märkten. Die Angst, dass ein Staat sich die steigenden Zinsen nicht leisten könne, ist unbegründet. Steigende Zinsen provozieren eine höhere Inflation: Die Erhöhung der PFotolia_131583816_Subscription_Monthly_XXLreise wie auch der Zinsen bescheren dem Staat höhere Steuereinnahmen, mit denen Staatsschulden wiederum beglichen werden können.

Ausgehend von den USA feiert der Zins seine Rückkehr, jedoch noch recht zurückhaltend. Das Volumen ausstehender Anleihen mit Negativrendite beträgt derzeit weltweit etwa 12 Billionen US-Dollar. Damit sollte der Zenit jedoch überschritten sein.

Ist die Börse denn nun der Hort der Stabilität? Zumindest ist die Börse der stabilste Wirtschaftsindikator. Die Bewertungen der Aktien sind nicht überteuert, und der niedrige Euro wirkt sich gerade auf die europäischen Börsen positiv aus. Zyklische Titel springen an, was als Konjunktursignal gewertet werden kann. Der Zinsmarkt beginnt sich zu normalisieren und führt langfristig eine neue Ära der Normalität ein. Donald Trump sorgt mit Deregulierung und Steuersenkungen sowie mit besseren Beziehungen zu Russland für einen Konjunkturschub. Politische Ereignisse haben, wie das Jahr 2016 gezeigt hat, nur eine kurze Auswirkung auf die Börsenkurse.

Der Trend zu höherem Wirtschaftswachstum und die zunehmenden Preissteigerungsraten beflügeln die Börsen weiter. Dieser Prozess kann noch über das Jahr 2017 hinaus anhalten.

Nach Brexit, Trump & Co. – was bringt das Anlagejahr 2017?

Trump, BREXIT, Italien-Abstimmung, dazu die Terror-Gefahr als ständiger Begleiter. Die Liste der Unsicherheiten ist lang. Das wird sich auch 2017 nicht ändern. Waren es 2016 BREXIT oder Trump, so werden es 2017 die Wahlen in Holland, Frankreich und Deutschland sein. Es geht nicht darum, mögliche Risiken zu verharmlosen. Aber wir sollten eine rationale Basis für Geldanlagestrategien finden und einmal reflektieren:

Die Weltwirtschaft ist von 2012 bis 2016 mit jeweils ca. 3% stabil gewachsen – allen Krisen zum Trotz. Auch heuer wird sie voraussichtlich um weitere 3% wachsen. Das Wachstum der EURO-Zone wird in etwa bei der Hälfte liegen. Die EZB hat ein Inflationsziel von knapp 2% definiert und wird diesem im Jahr 2017 wohl näher kommen.

Die rationale Entscheidung der Geldanlage lautet also: Was ist Krise? Und: Was ist neue Normalität? Wachstumsraten von 1,5% beispielsweise, wie in der EURO-Zone, sollten endlich als neue Normalität und nicht dauernd als Krise verstanden werden.

2017 – Jahr Nr. 7 mit negativer realer Verzinsung: Das Inflationsziel liegt bei 2%, die Zinsen für kurze Bindungen werden aber nicht steigen. Auch 2017 wird daher die Inflationsrate über dem Sparzins liegen. Es wird das siebente Jahr in Folge sein, und nicht das letzte.

Fotolia_136902358_Subscription_Monthly_XXLDonald Trump kann (positiv) überraschen: Investitionen in die Infrastruktur und eine „Abschottung“ sorgen für höhere Inflation, höhere Schulden, höhere Zinsen und einen stärkeren Dollar. Der kurzfristige wirtschaftliche Impuls wird wohl funktionieren – vor allem 2018 und 2019.

US-Zinsanstieg: auf das Niveau von 2013! Auf den Wahlsieg Trumps folgt die Erwartung einer höheren Inflation, die zu steigenden Zinsen führt. Die aufgeregten Kommentare über die in den vergangenen Wochen angeblich stattgefundene Zinswende sind zu relativieren. Der Anstieg der US-Renditen am langen Ende war deutlich. Aber: Bereits 2013 lagen die 10-jährigen US-Staatsanleihen bei knapp unter 3% Rendite. Warum ist heute etwas dramatisch, was 2013 noch normal war?

Hohe Zinsdifferenz stützt Dollar-Stärke: Die EZB hat den Weg 2017 klar kommuniziert und das Anleihekaufprogramm (zwar reduziert) bis Jahresende verlängert. Die Diskussion 2017 beinhaltet die Frage, welcher Weg zielführend ist: Fiskalpolitik nach US-Muster oder Geldpolitik wie in der EURO-Zone?

Zinstief liegt hinter uns: Die Zinswende in der EURO-Zone liegt noch weit in der Zukunft. Trend-Ende? JA. Trend-Wende zu stetig steigenden Zinsen? NEIN. Der Tiefpunkt liegt aber hinter uns. Diese schrittweise Normalisierung sollten wir als gute Nachricht interpretieren. Minuszinsen und Negativrenditen auf breiter Front sind ein finanzpolitischer Irrweg.

Gold out – Rohstoffe in: Gold und Rohstoffe bleiben attraktive Beimischungen. Ersteres ist derzeit weniger gesucht, was vorerst noch so bleiben wird, Zweiteres mehr. Vieles an Konjunkturhoffnung erscheint aber schon eingepreist. Wir sollten beide Asset-Klassen daher im Blick behalten, da Trends rasch drehen können.

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Alois-Wögerbauer

Aktien nicht billig – und nicht teuer: Die Aktienmärkte stehen in ihren Bewertungen in einem historischen Schnitt. In den USA etwas teurer, in Europa etwas billiger sind die Aktienmärkte in der absoluten Betrachtung nicht billig und nicht teuer, aber in der relativen Betrachtung zu anderen Vermögensklassen in einer soliden Ausgangsposition.

Aktienanlage bedingt Nerven und Geduld! So wie jedes Jahr wird es auch im kommenden Jahresverlauf Irritationen geben, neue Erkenntnisse und überraschende Entwicklungen. Es ist professionelle Pflicht und kein Zeichen von Schwäche, auch einmal eine Meinung zu ändern und die Depotstruktur anzupassen.

Unser Motto: Fahren Sie auf Sicht. Aber fahren Sie!

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