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Auto-Assistenzsysteme – mehr Sicherheit oder Entmündigung?

In modernen Autos übernehmen Bordelektronik und Assistenzsysteme zunehmend mehr Verantwortung. Ob damit auch versicherungstechnische Probleme zu klären sind, bleibt offen, gewiss aber ist, dass das Fahren sicherer, der Fahrer aber zumindest teilentmündigt wird. Notwendige Nivellierung und mehr Sicherheit oder nutzlose Verteuerung und zunehmende Verunsicherung? 

Schon beim Genfer Automobilsalon 2011 spielten sich gespenstische Szenen ab. Ein adaptierter Audi TTS fand seinen Weg zentimetergenau auf die Bühne – gänzlich ohne Fahrer. Und ein Prototyp desselben Wagens absolvierte – ebenfalls im Alleingang – erfolgreich die legendäre, 20 km lange Pikes-Peak-Strecke in den Rocky Mountains. Beide Fahrzeuge waren vollgepackt mit komplexer Steuerungselektronik, die dereinst in Serienfahrzeuge einfließen soll. Derlei elektronische Innovationen werden gegenwärtig in den Entwicklungsabteilungen der Fahrzeugindustrie rund um den Globus ersonnen und getestet. Der oben erwähnte Versuch zeigt, dass Fahrerassistenzsysteme selbsttätig Entscheidungen treffen können. In Serienautos verbleibt die Letztentscheidung aber immer noch beim Fahrer. Die Systeme sollen lediglich das sichere und bequeme Fahren unterstützen. Aber steht wirklich die Sicherheit im Mittelpunkt der Fahrerassistenz-Technologien von heute und morgen, und wo bleibt das Fahrerlebnis?

Komplexität und Fehleranfälligkeit

Die Komplexität elektronischer Komponenten in Fahrzeugen nimmt ständig zu. Egal ob das inzwischen wohl sehr sichere ABS, das praktische ESP, ob Fahrspur- oder Downhill-Assistent, Tempomat, Head-Up-Display oder Verkehrszeichen-Erkennung, mit dem Einsatz vieler dieser Assistenzsysteme steigt im Alltag die Sicherheit, jedoch auch die Möglichkeit von Fehlfunktionen. Wäre davon eine sicherheitsrelevante Komponente betroffen, könnten schlimmstenfalls Menschen zu Schaden kommen. Um derartige Risiken gering zu halten, wurde unter Einbeziehung maßgeblicher Automobilhersteller, Zulieferer und Prüfinstitute die Norm ISO 26262 entwickelt. In Zukunft werden sicherheitsrelevante Systeme bzw. Komponenten anhand dieser EU-Norm entwickelt. Sicher ist aber auch: Einige Assistenzsysteme schießen mit Piepsen, Blinken oder Blockieren über das Ziel hinaus und bevormunden den Fahrer.

Sinn und Unsinn?

Den idealen Autofahrer gibt es nicht und nur ganz wenige beherrschen das technische Gerät Auto so perfekt, dass kaum menschliche Fehler passieren. Deshalb werden Assistenzsysteme entwickelt, die den meist von Extremsituationen überforderten Autolenkern zur Seite stehen. Das ist gut und sinnvoll. Inzwischen aber gibt es schon so viele Systeme, dass – wie durch Studien belegt – diese gar nicht mehr genützt werden können oder auch die Fahrer in ihrer Fülle überfordern. Da ist nicht das Navigationssystem gemeint, eher schon die sogenannte „Connectivity“, die durch die Anbindung an die Funktionen des Internets oft vom Straßengeschehen ablenken. Die Einparkhilfe ist zwar praktisch, ersetzt aber reales Fahrkönnen nicht wirklich. Wie sagte es Walter Röhrl? Das Auto soll von seinem Lenker gefahren werden, nicht umgekehrt!

Volvo meint es besonders gut

Auf die Spitze treibt es Volvo. Das serienmäßige City-Safety-System legt bis 30 km/h eine automatische Vollbremsung hin, wenn man abgelenkt ist und ohne zu bremsen auf ein Hindernis zufährt – was durchaus Sinn hat. Bei mehr als Tempo 30 warnt dann ein rotes Lichtsignal am Armaturenbrett vor zu dichtem Auffahren. In der Praxis, vor allem im Stadtverkehr, ist die schöne Theorie vom Mindestabstand meist aber nicht zu halten. Folge: Schnell ausschalten. Weitere Systeme warnen vor Autos im toten Winkel, halten automatisch den Abstand zum Vordermann oder schlagen Alarm, wenn man ohne zu blinken die Fahrspur verlässt. Vor allem auf der Autobahn kann man diesen Systemen ihren Sicherheitsgewinn nicht absprechen. Im Stadtverkehr aber nerven solche Systeme ungemein.

Vertrauen in die Technik?

Bei einer deutschen Umfrage glaubten 96 Prozent der Befragten, dass Assistenzsysteme das Fahren zumindest zum Teil sicherer machen, die Hälfte sah aber auch die Gefahr, am Steuer abgelenkt zu werden. Und auch das Vertrauen in die Technik ist nicht unerschütterlich: Weniger als die Hälfte der Befragten würde sich während der Fahrt stets auf Assistenzsysteme verlassen. Viele haben aber einfach Angst vor Ablenkung und Gängelung – oder wissen über viele Systeme gar nicht Bescheid.

Dass Fahrer-Assistenzsysteme prinzipiell willkommen sind, zeigt auch eine Umfrage des ADAC, die in zwölf europäischen Ländern durchgeführt wurde. 92 Prozent der Befragten wünschten sich in erster Linie ESP als elektronischen Helfer im Auto – oder hatten es schon an Bord. Die weiteren Wunschkandidaten waren Systeme zur Verbesserung der Sicht, der automatische Notruf eCall und ein Auffahr-Frühwarnsystem. Viele Autofahrer fordern, dass man Assistenzsysteme auf Wunsch per Knopfdruck abschalten kann. Europaweit legten 60 Prozent der Befragten Wert auf diese Option, wobei generell die Kosten eine große Bedeutung haben.

Autonomes Fahren

Mit 41 Prozent Zustimmung wird die Technik des autonomen Fahrens zunehmend positiv bewertet, so die neue Studie „Deutschland Mobil 2015“. Immer mehr Menschen könnten es sich vorstellen, ein solches Auto zu fahren (respektive sich fahren zu lassen), aber immer noch 51 Prozent können sich das gar nicht vorstellen. Dagegen spricht, so die Befragten, zu 75 Prozent der Verlust des Spaßes am Fahren und 73 Prozent würden sich unwohl fühlen. Der Hersteller Tesla rechnet damit, dass Autos in drei Jahren im Prinzip von allein die Insassen von A nach B bringen könnten. Es werde aber mindestens ein Jahr länger dauern, den rechtlichen Rahmen – siehe Haftung – dafür zu schaffen.

René Herndl

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