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Der Begriff der Zinswende geistert seit Monaten durch unsere Medien. Das hört sich auf den ersten Blick gut an, schließlich bringen Sparprodukte aktuell kaum Rendite. Doch was steckt eigentlich dahinter? Und wer profitiert davon?
 Ein Artikel von Andreas Feichtenberger

Amerika macht es wieder einmal vor: Janet Yellen, die Chefin der US-Notenbank (Fed) hat ihre Ankündigungen wahrgemacht und den Leitzins angehoben – seit 2015 zwischenzeitlich zum vierten Mal. Und für heuer hat sie eine weitere Anhebung angekündigt. Es waren natürlich noch bescheidene Sprünge, aber es war ein eindeutiges Zeichen, gekoppelt mit einem anständigen Anstieg bei den Renditen auf Anleihen. Die Dauer-Rettungspolitik der Zentralbanken hat also ein Ablaufdatum, diese Erhöhungen stehen laut Analysten für eine ganze Reihe von folgenden Erhöhungen.

Durchaus kann auch die Wahl von Donald Trump bei der Entscheidung mitgeholfen haben, schließlich steht er für eine Rebellion der Bürger gegen die jahrelange Vorgehensweise der Null-Zins-Politik und er hat lautstark ein großes Konjunkturpaket angekündigt.

Wie auch immer: Amerika ist nicht Europa, aber bekanntlich setzen sich Trends aus den USA zeitlich verzögert auch gerne in Europa durch, Zinsentscheidungen bilden hier keine große Ausnahme. Seit ihrer Gründung hat die Europäische Zentralbank (EZB) mehr oder weniger die gleichen Wege beschritten, die einige Monate oder Quartale zuvor schon die Fed gegangen war. Noch ist es aber nicht soweit. Der Chef der EZB, Mario Draghi, vertraut nach wie vor auf seine extrem lockere Zinspolitik.

Daran können auch eine steigende Inflation und eine steigende Nachfrage an Unternehmenskrediten – wie sie aktuell auch in Österreich zu beobachten ist – nichts ändern. Draghi bleibt der Linie treu.

Europa wartet noch
Die Argumentation von Draghi war – auch wenn es viele Kritiker gibt – natürlich nicht vollkommen haltlos. Er ging beispielsweise davon aus, dass die niedrige Inflation in Europa, die einer der Gründe für die Null-Zins-Politik war, Anfang des Jahres nur deshalb im Steigen begriffen war, weil der Ölpreis wieder gestiegen war. Diesen Effekt sah er aber als nicht nachhaltig an und er sollte Recht bekommen. Der aktuell hohe Eurokurs macht Importe wieder billiger und drückt die Inflationsrate.

Außerdem läuft nach wie vor das 2015 gestartete und ebenfalls kritisierte Anleihenkaufprogramm. Ende 2017 wird es auslaufen, man geht aber davon aus, dass es über dieses Jahr hinaus – wenn auch abgeschwächt – verlängert werden wird. Die EZB kauft derzeit Monat für Monat Staatsanleihen im Volumen von 80 Milliarden Euro. Bislang hat die EZB im Rahmen dieses Programms die gewaltige Summe von zwei Billionen Euro ausgegeben. Diese Unentschlossenheit veranlasst internationale An-leger jedoch dazu, ihr Geld in Amerika zu investieren, weil hier die höheren Renditen winken. Und dieser Schritt wirkt sich unmittelbar auf Europa aus. Die europäischen Staaten werden nämlich nachziehen müssen, um Investoren zu halten, sie werden die Zinsen für ihre Bonds erhöhen müssen. Und tatsächlich sieht es danach aus.

Draghi kündigte vor dem Sommer einen vorsichtigen Einstieg in den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik an. Wahrscheinlich wird die Notenbank ab 2018 das Volumen der Anleihekäufe langsam reduzieren.

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Krise für Häuslbauer?
Diese Erhöhung in den USA bleibt also auch für den Mann und die Frau auf der Straße nicht unbemerkt, denn wenn die Banken vom Staat ähnlich hohe Zinsen bekommen wie vom gern zitierten Häuslbauer, werden sie wohl eher die risikofreieren Staatsanleihen nehmen. Also steigen auch hier die Zinsen. Und das macht sich bei Wohnbaukrediten im sechsstelligen Bereich natürlich schon bemerkbar. „Unternehmen und Privatpersonen bekommen diese Zinswende auf der Finanzierungsseite zu spüren“, erklärt Christian Hromatka, Pressesprecher der Erste Bank, und weiter: „Für variable Finanzierungen, die an den 3-Monats-Euribor gebunden sind, ändert sich vorerst nicht viel, allerdings wird der 3-Monats-Euribor nicht ewig auf diesem niedrigen Niveau bleiben.“ Grund zur Panik gibt es also nicht.

Der Prozentsatz für Wohnbaukredite ist trotz leichtem Anstieg nach wie vor auf dem historischen Tiefpunkt und das wird sich auch so schnell nicht ändern. Und zwar aus mehreren Gründen: Erstens wird davon ausgegangen, dass der Leitzins durch die EZB frühestens 2018 angehoben werden wird und selbst dann nur um wenige Prozentpunkte. Zweitens sind die Inflationserwartungen in Europa weit geringer als beispielsweise in den USA.

Und last but not least werden – wie bereits erwähnt – Draghi und die EZB nicht müde, Staatsbonds förmlich aufzusaugen und zwar egal zu welchem Zinssatz. Die heiß diskutierte Zinswende, die in Amerika längst Fuß gefasst hat, wird in Europa also noch etwas auf sich warten lassen. Das heißt, die Immobilienzinsen bleiben vorerst niedrig und das Sparbuch und die Lebensversicherung werfen quasi keine Gewinne ab – kein Vorteil ohne Nachteil. Hromatka: „Für ein optimales Wirtschaftswachstum liegt die ideale Inflationsrate mittelfristig bei rund 2 Prozent, da hier die Wirtschaft am Potenzial ist. Der mittelfristig ideale Zinssatz hingegen ist weit komplexer zu ermitteln und zu beschreiben. Da ist eine Einschätzung weit schwieriger.“

Was ist eigentlich die Zinswende?
„Die Zinswende lässt sich am besten als langfristiger Richtungswechsel von Zinssätzen beschreiben“, erklärt Hromatka. Stellt sich die Frage, wieso dieser Richtungswechsel nun langfristig sein soll.
Ein Beispiel: Die EZB hält die Zinssätze weiter niedrig, die Renditen von deutschen Bundesanleihen aber, die einen sehr wichtigen Referenzzinssatz darstellen, legen zu. Nun wird die Zinskurve durch Erwartungen beeinflusst – Erwartungen für kurzfristige Zinssätze, für die Inflationsrate oder die Laufzeitprämie.
Wenn die Inflationsraten ansteigen, so steigen auch die Inflationserwartungen. Und dann kann davon ausgegangen werden, dass auch eine Zinswende eingesetzt hat. Und das hat natürlich eine lange Vorlaufzeit.

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