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Auf den Spuren der Genius Loci

Große Dichter haben in der Stadt Salzburg bis hinein in die entferntesten Winkel des Landes ihr kostbares Erbe hinterlassen. Auch heute noch prägen Schriftsteller das Land. Eine literarische Reise durch Salzburg.

Alte Plätze sonnig schweigen. Tief in Blau und Gold versponnen“, lauten die ersten Zeilen des Gedichts „Die schöne Stadt“ von Georg Trakl, welches im Hof des Geburtshauses am Waagplatz 1 auf einer Bronzetafel zu lesen ist. Am 3. Februar 1887, um halb sieben Uhr abends, kam der Dichter hier zur Welt. Das Gedicht im Hof des Trakl-Hauses ist heute nicht das einzige Denkmal, das dem Schriftsteller in der Stadt gesetzt wurde. Den Großteil seines Lebens verbrachte Georg Trakl in seiner Geburtsstadt, viele Orte haben ihn hier zum Schreiben inspiriert. An vielen verschiedenen Plätzen zeugen Tafeln mit Gedichten von seinen literarischen Begegnungen mit der Stadt. Und zählte er auch zu den schärfsten Salzburg-Kritikern, so sind seine Salzburg-Gedichte durchaus positiv. Besonders fasziniert hat Georg Trakl der Friedhof St. Peter. „Ringsum ist Felseneinsamkeit. Des Todes bleiche Blumen schauern. Auf Gräbern, die im Dunklen trauern. Doch diese Trauer hat kein Leid.“ Oft führten ihn seine Spaziergänge auf den Mönchsberg, zur Evangelischen Christuskirche, in der er getauft wurde, in den Mirabellgarten oder in den Hellbrunner Schlosspark. Hier verbrachte der Dichter zuweilen sogar die Nächte.

Zum 100. Todestag des Dichters am 3. November finden von 31. Oktober bis zum 3. November in Salzburg die Georg Trakl-Tage statt. Bei einem Rundgang auf den Spuren des Dichters, einem Gedenkkonzert und vielem mehr werden uns der Dichter und sein Werk wieder in Erinnerung gerufen. 1914 ist Georg Trakl mit 27 Jahren an einer Überdosis Kokain in Krakau verstorben.

Die Stadt vor meinem Fenster

Das unweit vom St. Peter Friedhof gelegene Stift St. Peter gilt als die älteste Schreibstube Europas und verweist auf frühe Anfänge der Literatur im Land. Über die Jahrhunderte hindurch war Salzburg ein bedeutendes kulturelles Zentrum. Bereits der Mönch von Salzburg schrieb im Spätmittelalter am Salzburger Hof seine lebensfrohen Lieder. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts war der Besuch Salzburgs für Bildungsreisende ein Muss.

Viele große Dichter ließen sich im Laufe der Jahrhunderte in Stadt und Land nieder. Neben Georg Trakl haben Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig oder Carl Zuckmayer die Literaturlandschaft wesentlich geprägt und werden heute zu den großen Klassikern gezählt. Auch Peter Handke und Thomas Bernhard haben viele Jahre in der Mozartstadt zugebracht, ihre Texte sind stets von einer besonderen, unverwechselbaren Hass-Liebe zur Stadt geprägt. „Nachmittag eines Schriftstellers“ lautet der Titel einer Erzählung Peter Handkes von 1987, welche er in seinen Salzburger Jahren von 1979 – 1988 verfasst hat. Der gebürtige Kärntner berichtet darin vom Spaziergang hinab vom Mönchsberg, wo er lange Zeit wohnte, in das Gedränge der Altstadt.

Mit den Augen des

Dichters sehen

Weiter hinein ins Land berichtet uns Walter Kappacher vom Hochkönig, Karl Heinrich Waggerl hat ein „Wagrainer Geschichtenbuch“ gemacht. Die Topografie von O.P. Ziers Romanen ist der Übergang zwischen Pinzgau und Pongau, die Texte bleiben jedoch nicht in der Regionalität stecken. Die Berge und Gewässer sind es, an denen die Schriftsteller seit jeher Gefallen gefunden zu haben scheinen. 1956 schreibt Ernst Jandl nach einem Aufenthalt in Bad Gastein das Gedicht „gastein stubnerkogel“. Als „erste Marktschreiberin“ von Rauris berichtet Catarina Carsten 1984 über „Das Tal vor meinem Fenster“ und versucht darin, das Typische an der Beziehung von Rauris und Literatur zu beschreiben. Als Ort der Literatur ist das Bergdorf bereits seit 1971 nicht mehr wegzudenken, alljährlich finden seitdem die Rauriser Literaturtage statt. Eng damit verbunden ist der Name der Salzburger Schriftstellerin Brita Steinwendtner. Und nicht zu vergessen sind Franz Innerhofers „Schöne Tage“, dessen Veröffentlichung 1974 für großes Aufsehen sorgte. Inhalt sind die bäuerlichen Sozialstrukturen und die Vätergenerationen, Demütigungen und Qual.

Eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Nachkriegsliteratur ist Ilse Aichinger. Als die Dichterin nach Großgmain zog, sie lebte von 1963 – 1984 am Fuße des Untersbergs, war es für sie der breite, hochaufragende, sagenumwobene Bergrücken, der ihre Umgebung bestimmte und scheinbar auch ihr dichterisches Denken beeinflusste. Viele ihrer Geschichten handeln von dem Berg.

Land der Dichter und Literaten

Karl Markus Gauß, Walter Müller, Walter Kappacher, Jochen Jung, Brita Steinwendtner, Kathrin Röggla, Christine Haidegger, Werner Thuswaldner, Franz Zeller, Klemens Renoldner und viele mehr prägen aktuell die Literaturlandschaft Salzburgs. Viele von ihnen gelten als Quereinsteiger und sind Schreibende wie am Literaturleben aktiv Teilnehmende gleichermaßen. So hat Brita Steinwendtner lange Zeit die 1971 gegründeten Rauriser Literaturtage geleitet. Klemens Renoldner ist Leiter des Stefan Zweig Centres am Mönchsberg und hat sich das Erbe Stefan Zweigs zur Lebensaufgabe gemacht. 1937 gründete Otto Müller den Otto Müller Verlag, welcher heute von einem seiner Enkel, Arno Kleibel, geleitet wird. Wolfgang Schaffler hat 1956 den Residenz Verlag ins Leben gerufen und  Jochen Jung hat im Jahr 2000 den Salzburger Verlag Jung und Jung gegründet.

Lebendige Häuser

für die Literatur

Zahlreiche Häuser für die Literatur fungieren heute als Beherberungsstätte und Archiv für die Schätze verstorbener und aktueller Schriftsteller, Dichter und Autoren. Dabei ist die Verwaltung der Manuskripte, Typoskripte, Briefe und vielem mehr keineswegs eine verstaubte Angelegenheit. Zahlreiche Veranstaltungen rund ums Jahr zeigen die Lebendigkeit der Literatur und ermöglichen den Austausch von Autoren und Lesern oder bringen auch den Jüngsten die Dichtkunst nahe. Seit Herbst 1991 ist im 400 Jahre alten, denkmalgeschützten Eizenbergerhof die Literatur zu Hause.

Ein Trägerverein und fünf autonome Literaturvereine und Autorengruppen sind im Literaturhaus unter einem Dach organisiert: Das Literaturforum Leselampe & Salz, die Salzburger AutorInnenGruppe (SAG), die Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV), erostepost und prolit & Edition Eizenbergerhof. Am Land kann sich die Gemeinde Henndorf am Wallersee eines beachtlichen Erbes erfreuen. In der Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges galt der Ort als Zentrum der deutschen Literatur- und Theaterszene. Hier lebten und arbeiteten unter anderen Ödön von Horvath, die Brüder Richard und Carl Mayr und Carl Zuckmayer. Das Geburtshaus des Schriftstellers Johannes Freumbichler, des Großvaters von Thomas Bernhard, wurde 2013 in das Literaturhaus Henndorf verwandelt. Unter anderem sorgen Literaturspaziergänge heute für die Neubelebung der literarischen Vergangenheit des Ortes.

Die Bewahrung des Erbes

Noch immer sind zahlreiche Hinterlassenschaften von Autoren nicht genügend erschlossen, das Erbe ist groß. Mit dem Literaturarchiv Salzburg wurde 2011 in Kooperation mit der Universität sowie Stadt und Land Salzburg inmitten der Salzburger Altstadt ein öffentlich zugängliches Forschungszentrum eingerichtet. Hier werden Vor- und Nachlässe von Autorinnen mit Salzburg-Bezug gesammelt und wissenschaftlich erschlossen. Ein wesentlicher Teil der Sammlung wurde von dem 2013 in Salzburg verstorbenen Adolf Haslinger und der ehemaligen Adolf Haslinger Literaturstiftung eingebracht.  1977 begann dieser, wertvolle Stücke zu sammeln und zu sichern. 40 Jahre lang war der Anglist, Germanist sowie ehemalige Rektor der Universität Salzburg übrigens mit Peter Handke befreundet, weshalb das Literaturarchiv heute auch über viele Schriften Peter Handkes verfügt. Die Sammlung seiner Werke bildet einen Schwerpunkt des Literaturarchivs Salzburg.

Vom Lesesaal aus hat der Besucher hier einen einmaligen Blick auf das Glockenspiel, den Dom und die Festung Hohensalzburg. Hat ein Autor das 60. Lebensjahr und einen (regionalen) Bekanntheitsgrad erreicht, werden die Nachlässe in das Depot aufgenommen. Neben Manuskripten, Briefen und vielem mehr finden auch persönliche Gegenstände und Kuriositäten Platz im Depot des Literaturarchives. Bei einer Temperatur von 21 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent sind die besten Bedingungen für die bedeutenden Papiere gegeben. Verwahrt in säurefreien Kartons, werden die kostbaren Schriften regionaler Autoren sowie jener mit Salzburgbezug für die Nachwelt verwahrt. Das Literaturarchiv Salzburg unterhält zahlreiche Kooperationen mit aktuellen Literaturinstitutionen und Veranstaltern, wie den Thomas Bernhard-Tagen in St. Veit, welche zu der Vielzahl an regelmäßigen Literaturveranstaltungen in Salzburg zählen.

Liebe und Hass zu Salzburg

Emotionen verbanden und verbinden Schriftsteller seit jeher mit Salzburg. So war auch die Beziehung Thomas Bernhards zu Salzburg nicht immer dieselbe. Ein Paradies war die Stadt, als sein Großvater noch lebte, zunehmend fing er an, sie zu hassen. Nie konnte er sich, wie er selbst mehrmals beschrieb, ganz vom Einfluss Salzburgs und seiner Atmosphäre lösen. Seine prägenden Erfahrungen und Erlebnisse verarbeitete auch er in mehreren Werken, wie in seinen autobiografischen Romanen „Die Ursache“ (1975) oder „Der Keller“ (1976).

Eva Pittertschatscher

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