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Arzt und Patient: Eine schwierige Beziehung

Wer krank ist, braucht einen Arzt. Doch viele Patienten fühlen sich vom Arzt nicht ernst genommen, nicht verstanden. Dabei ist Vertrauen zum Arzt die beste Medizin.

Die Kommunikation mit dem Patienten ist das wichtigste Handwerkszeug des Arztes. So weiß man, dass etwa 50 Prozent aller Diagnosen allein auf Grund derjenigen Information gestellt werden können, die der Arzt bei einer sorgfältigen Erhebung der Anamnese gewinnt. Etwa 80 Prozent der Diagnosen stehen schließlich nach Anamneseerhebung plus körperlicher Untersuchung fest. Nur für den Rest von etwa 20 Prozent braucht es weiterreichende und oftmals aufwendigere Untersuchungen.

Doch leider haben viele Patienten das Gefühl, dass der Arzt zu kurz mit ihnen spricht, er nicht wirklich auf ihre Probleme eingeht, sie nicht versteht und die Patienten wiederum oft den Arzt nicht richtig verstehen. Bei den Wünschen der Patienten steht der Wunsch nach einer guten, gelingenden Kommunikation vor allen anderen Wünschen – lange vor der technischen Qualifikation oder der Ausstattung der Praxis.

Doch genauso weiß man leider, dass Patienten laut empirischen Studien, im ärztlichen Gespräch eher selten ihr Anliegen vorbringen: Ungefähr 50 Prozent der Patientenprobleme werden entweder nicht geäußert oder vom Arzt nicht aufgegriffen. Viele Ärzte scheinen schwer einschätzen zu können, wie stark Patienten bei medizinischen Entscheidungen mitwirken wollen. Manche Kranke werden deshalb stärker, andere hingegen weniger stark in den Entscheidungsprozess einbezogen, als sie es selbst wollen.

Die schlechte Kommunikation ist – so der deutsche Internist, Ethikexperte und Buchautor Linus Geisler – sowohl Symptom einer Medizin, die auf Technisierung und Ökonomisierung ausgerichtet ist, als auch Ursache. Ein verhängnisvoller Circulus vitiosus, der seiner Meinung nach nicht entsteht, wenn die Ausbildung der Mediziner bereits früher mit Kommunikation zu tun hätte. Denn man weiß aus Untersuchungen, dass Studenten zu Beginn ihres Studiums sehr an den psychosozialen Phänomenen ihrer Patienten interessiert sind, sie dann aber viel zu sehr mit technisch-naturwissenschaftlichem Wissen eingedeckt werden und diese Seite dann verschüttet wird.

Basis für Therapieerfolg

Ein Gesprächsverhalten, das es dem Patienten erleichtert, seine Fragen, Erwartungen und Befürchtungen zu äußern und sowohl die gewünschte Information als auch eine emotionale Unterstützung zu erhalten, hat nachweislich günstige Auswirkungen in vielen Bereichen: Es führt zur Verbesserung des Gesundheitszustandes, zur Symptomverminderung, zur verbesserten Schmerzkontrolle, zu besserem Funktionszustand und besseren physiologischen Ergebnissen, wie bei der Blutdruck- oder Blutzuckereinstellung.

Studien belegen jedoch, dass Arzt und Patient höchstens in der Hälfte der Punkte übereinstimmen, die sie für wichtig halten. Offenbar unterhalten sich zwei Fremde in fremder Sprache miteinander. Hier wäre es Aufgabe des Arztes, sich in die Wirklichkeit des Patienten, in dessen Krankheitsdeutung einzuleben, denn Patienten sehen die Krankheit in der Regel ganz anders als der Arzt. Das geht nur über gute Kommunikation, sie ist die Basis für eine gute Arzt-Patient-Beziehung.

Dem Patienten rät Geisler: „Patienten sind in der Regel nicht gut auf Gespräche vorbereitet. Das führt dann zu einer diffusen Gesprächsführung, das Kernanliegen wird nicht deutlich. Deshalb sollten Patienten einen Fragenzettel mit den drei wichtigsten Fragen mitbringen. Dann kommen sie nicht vom Hundertsten ins Tausendste. Zweitens: Patienten sollten offen gegenüber dem Arzt sein. Das hängt aber ganz davon ab, wie der Patient den Arzt erlebt – ob zugewandt oder reserviert. Und Ärzte müssen lernen, dass der Zettel des Patienten eine Hilfe ist, sie sollten nicht die Augen verdrehen, sondern sehen, dass die Fragen zur Strukturierung des Gesprächs beitragen.“

Eine Kommunikation, die den Patienten zu einer aktiven Mitarbeit an seinem Genesungsprozess motiviert und ihn dabei unterstützt, seine Krankheit auch emotional zu bewältigen, ihm Ängste nimmt, bildet die Basis für jeden Therapieerfolg.

Der Arzt kann in der Kommunikation mit dem Patienten das Vertrauen in dessen eigene Selbstheilungskräfte stärken oder das Vertrauen ins Leben vermindern, die Angst vergrößern oder im Zaum halten. Es ist geradezu unfasslich, welche ärztlichen Aussagen Patienten oft unnötigerweise zugemutet werden. Es ist auch nicht verwunderlich, dass Menschen, nachdem ihnen eine Dia-gnose mitgeteilt wurde, erst richtig krank werden. Umgekehrt ist es erstaunlich, wie Patienten gesunden können, wenn ein vertrauensvolles Arzt-Patientenverhältnis vorliegt; dadurch kann auch der Patient in seine „Gesundungsverpflichtung“ genommen werden, er lernt, Verantwortung für seinen Heilungsprozess, sein Leben zu übernehmen.

Jeder vierte Patient tut nicht das, was der Arzt verordnet hat. Teure und hochwirksame Medikamente helfen auch wenig, wenn der Patient nicht an ihre Wirkung glaubt. Denn die Kraft der Gedanken
ist stark.

Studien haben außerdem gezeigt, dass Ärzte ihre Patienten häufig unterbrechen. Nur wenige konnten ihr Anliegen tatsächlich vortragen. Im Schnitt unterbrachen Hausärzte schon nach elf bis 24 Sekunden ihren Patienten. Die mangelhafte Kommunikation zwischen Arzt und Patient erhöht das Risiko von Fehldiagnosen und Falschbehandlungen.

Medizin ist keine Dienstleistung

„Gesundheit hat viel mit der eigenen Einstellung zu tun“, so der Freiburger Medizinethiker
Giovanni Maio. Maio studierte Medizin und Philosophie und praktizierte zunächst als Arzt an einer Klinik, begann später zu schreiben und zu unterrichten. Maio ist Inhaber des Lehrstuhls für Medizinethik an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. In seinem Buch „Geschäftsmodell Gesundheit. Wie der Markt die Heilkunst abschafft“, schildert er, wie die Aufenthaltsdauer der Patienten in Krankenhäusern in den letzten zwei Jahrzehnten um die Hälfte verkürzt wurde. Kranke Menschen werden immer häufiger vorzeitig entlassen, nur um mit einem anderen Leiden gleich wieder aufgenommen zu werden. Die Anzahl gut bezahlter Operationen nimmt stetig zu, während Abteilungen, die sich nicht rentieren, geschlossen werden – unabhängig vom Bedarf. Das Gesundheitswesen entwickelt sich zu einer Gesundheitswirtschaft. Das Buch ist ein Plädoyer für den Weg zu einer Heilkunst, die den Patienten als Menschen und nicht als „Kunden“ im Blick hat, die Gesundheit nicht als Ware verkauft und die medizinische Versorgung als Sorge um den Kranken und nicht als Dienstleistung versteht. Das Problem der modernen Medizin besteht nach seiner Beobachtung darin, dass sie nicht mehr über den Dienst am Mitmenschen spricht, sondern nur noch über Dienstleistungen, Kunden, Qualitätsmanagement, Wettbewerbs-fähigkeit, Einsparung und Marketing. Maios These: Die Krise der modernen Medizin hängt damit zusammen, dass sie sich heute mehr als Markt und weniger als soziale Errungenschaft versteht.

Ein Arzt braucht laut Maio vor allem wieder mehr Zeit für den Patienten; er muss eine authentische Beziehung aufbauen können, er muss Aufmerksamkeit schenken und mit dem Patienten kommunizieren und sich schließlich eine grundlegende Wertschätzung für den Patienten bewahren: „Der Wert und der Kern des Arztberufs liegt eben nicht im Heilenkönnen, sondern vor allen Dingen darin, dass sich ein Mensch eines anderen Menschen in seiner Not annimmt.“

Ökonomie gehöre zur Medizin, meint Maio, aber man muss der Ökonomie ihren Raum zuteilen. „Der Raum der Ökonomie ist dort, wo sie der Medizin hilft, ihre Ziele ohne Verschwendung zu erreichen. „Die Ökonomie ist also eine Dienerin der Medizin“, eine Disziplin, die der Medizin hilft, indem sie durch das vernünftige Wirtschaften eben erst die Freiräume ermöglicht, in denen Medizin überhaupt erst realisiert werden kann. Tatsächlich aber ist es heute so, dass die Ökonomie nicht mehr der Medizin dient, sondern dass die Medizin vielmehr der Ökonomie dient.“

Krankheiten „aushalten“

Professor Giovanni Maio stellt aber auch klar, dass die Illusion eines leidlosen Lebens den modernen Menschen unglücklich macht. Denn der „moderne“ Patient geht davon aus, dass, wenn er alles richtig macht, dann gibt es keinen Schmerz für ihn.

Krankwerden stürzt den Menschen in eine existenzielle Krise. Und dass diese unbedingt mitbehandelt werden muss, „weil jeder Mensch innere Heilkräfte hat, die ein einfühlsamer Arzt mobilisieren kann. Es geht darum, dass der Mensch sich nicht restlos der Krankheit ausgeliefert fühlen muss, wenn er seine inneren Ressourcen erkennt“, so Maio. Er geht sogar soweit, dass er meint, dass wir modernen Menschen dem Glaubenssatz verfallen sind, der auf vielen Hochglanzprospekten steht: Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts. Wir sind überzeugt, das Leben ist nur vollkommen, wenn alles geht. Das ist ein gebrochenes Verhältnis zu den eigenen Grenzen: Wir wollen ewig leben, den Tod ganz abschaffen. Wir nehmen unseren Körper als eine zu modellierende Masse wahr. Deswegen schauen wir so panisch auf mögliche Symptome, die es auszuschalten gilt. Der moderne Mensch hat zuweilen keine anderen Inhalte mehr als die Funktionsfähigkeit seines Körpers.

Mit Vertrauen gesund werden

Dabei weiß man immer mehr, wie sehr Vertrauen zum Arzt den Heilungs-prozess verstärkt: In einer großen Studie des Universitätsklinikums Essen wurde den Patienten über die Nase das Molekül „Oxytocin“, auch „Kuschelhormon“ genannt, verabreicht. Dieses stärkt das Vertrauen und lässt Beziehungen gedeihen. Unter dem Eindruck des Kuschelhormons wirken offenbar auch ärztliche Versprechen besser. Bei der Studie wurde den teilnehmenden Patienten gesagt, dass sie eine schmerzlindernde Salbe aufgetragen bekämen. Doch die Salbe enthielt gar keinen Wirkstoff. Trotzdem wirkte sie, denn die Testpersonen, die Oxytocin rochen, spürten an der gesalbten Stelle weniger Schmerzen als jene Teilnehmer ohne Vertrauenshormon in der Nase.

Maria Riedler

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