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ANTARKTIS

Auf den Spuren der Shackleton-Expedition
Ein Artikel von Peter Bernhaupt

7T3A9183xZunächst waren es die verstreut liegenden Falklandinseln. Die erste Begegnung mit den Felsenpinguinen, deren Kopfgefieder an Punkerfrisuren erinnert. Dann gleich die Eselspinguine. Ihr Gekrächze klingt wirklich ähnlich dem Gewieher der namengebenden Vierbeiner. Und jetzt strahlender Sonnenschein und glitzernde Eisflanken auf dem mächtigen Gebirgszug Südgeorgiens. Vor uns eine riesige Kolonie von über zweihunderttausend Königspinguinen. Das Geschrei der Vögel ist ohrenbetäubend. Die graubraunen Küken mit ihrem pelzig anmutenden Gefieder erscheinen fast größer als die Elterntiere. Viele befinden sich schon in der Mauser und lassen mehr oder weniger die endgültige Färbung erkennen. Immer wieder watscheln kleinere oder größere Gruppen dieser drolligen Zeitgenossen an unseren Beinen vorbei. Morgen wandern wir die letzte Etappe auf den Spuren der Shackleton-Expedition von der Fortuna Bay über den Pass zur Walfangstation Stromness. Zeit, sich an jene Männer zu erinnern, die den fast zweijährigen Kampf gegen Sturm, Kälte und Hunger überlebt haben.

Vor mehr als 100 Jahren
“Lasst uns hinuntergehen”, sagte Ernest Shackleton leise zu seinen beiden Begleitern. Vorsichtig stiegen sie von der Passhöhe die steile Eisrinne hinab. Das letzte Hindernis, ein Wasserfall, musste noch genommen werden. Sie befestigten das kaum fünfzehn Meter lange, zusammengeknotete Seil an einer Felsnase und konnten so, durchnässt, aber sicher den Talboden erreichen. Zum ersten Mal nach sechsunddreißig Stunden fast ununterbrochener qualvoller physischer und psychischer Belastung konnten sie lächeln. Sie hatten das schier Unmögliche geschafft, die Durchquerung der vergletscherten Bergwelt Südgeorgiens. Nur eineinhalb Kilometer waren es jetzt noch zum langersehnten Ziel, der Walfangstation Stromness.
Shackleton musterte seine Kleidung und die seiner Begleiter. Vogelscheuchen im fernen England waren besser gekleidet. Aber sie hatten es wirklich geschafft. Nach siebzehn Monaten hatten sie die Zivilisation erreicht und konnten die Rettung der zurückgelassenen Kameraden einleiten. Alle achtundzwanzig Mann überlebten!

7T3A9652xAufbruch voller Hoffnung
Dabei begann alles so hoffnungsvoll. Am 5. Dezember 1914 hat Ernest Shackleton mit dem Forschungsschiff “Endurance” die Walfangstation Grytviken in Südgeorgien verlassen. Er wollte mit einem Teil der Mannschaft die erste Durchquerung der Antarktis wagen. Aber die Natur hatte sich gegen sie verschworen. Schon zwei Tage nachdem sie im Weddelmeer segelten, treffen sie auf Packeis. Nach einigen Wochen im Zickzackkurs sitzt das Schiff im Jänner 1915 plötzlich fest. Viele Monate vergehen und das Schiff driftet mit dem Packeis immer weiter vom antarktischen Festland fort. Doch dann im Oktober wird der Druck der Eismassen immer größer. Die Mannschaft muss das Schiff verlassen. Mit einigen Zelten und drei Rettungsbooten driften sie auf einer riesigen, aber kaum zwei Meter dicken Eisscholle weiter. Schließlich wird die Endurance von den Eismassen völlig zermalmt und sinkt im November 1915. In den folgenden Monaten wird die Lage der Männer immer hoffnungsloser, bis endlich im April 1916 das Packeis aufbricht und sie mit den Rettungsbooten Elephant Island erreichen. Zum ersten Mal seit eineinhalb Jahren spüren die Männer festen Boden unter ihren Füßen. Aber Shackleton weiß, dass sie hier fernab aller Walfangrouten liegen.
So entschließt sich Shackleton zum Äußersten. Mit einem nur sechseinhalb Meter langen Rettungsboot wagt er die tausendfünfhundert Kilometer lange Überfahrt nach Südgeorgien. Fünf Männer begleiten ihn, zweiundzwanzig bleiben zurück. Und wieder scheint sich die Natur gegen sie verschworen zu haben. Orkanartige Stürme und haushohe Wellen lassen die Mannschaft am Erfolg ihrer Mission zweifeln. Doch nach zwei Wochen härtester Strapazen ragt die vergletscherte Bergwelt Südgeorgiens vor ihnen auf. Aber die nächste Walfangstation Stromness befindet sich genau auf der anderen Seite der Insel. Das Boot ist beschädigt und so bleibt nur eine einzige Möglichkeit: die Durchquerung der Insel, die vor ihnen noch niemand gewagt hatte. Drei Männer bleiben beim Boot zurück. Ohne Landkarte und mit einer völlig unzureichenden Ausrüstung beginnt Shackleton das Unmögliche.

7T3A9022xVom Albtraum zur Traumreise
Wir erleben es viel schöner. Ein sonniger, fast warmer Tag beginnt. Das Schlauchboot setzt uns am sandigen Ufer der Fortuna Bay ab. Einige noch verschlafen wirkende Seelöwen staunen über die kleine Gruppe, die den steilen, mit Tussockgras bewachsenen Hang hinaufsteigt. Bald wird es flacher und der Blick auf die umgebende Bergwelt immer großartiger. Schon ist auch die Passhöhe erreicht und wir können die Gefühle Shackletons und seiner Begleiter zumindest erahnen. Der Blick auf die Walfangstation tief unten am fast tintenblau gefärbten Meer ist traumhaft. Kein blankes Eis behindert unseren Abstieg und so können wir auch den Wasserfall mühelos umgehen. Nach dreistündiger Wanderung erreichen wir die völlig verfallene Walfangstation… tags darauf nimmt unser Schiff Kurs auf Elephant Island. Wir unternehmen die denkwürdige Fahrt in umgekehrter Richtung.
Und als wollte sich das Meer genauso wild wie vor hundert Jahren beweisen, erreichen die Wellen teilweise gemessene elf Meter Höhe. Nur dass unser Schiff nicht sechseinhalb, sondern ganze hundertvierzig Meter Länge aufweist. Inklusive neuester technischer Errungenschaften und allem Komfort… Als wir dann Elephant Island sehen, verstehen wir erst recht die Entscheidung Shackletons. Ein wenige Meter breiter Streifen zwischen Meer und Gletscher. Hohe Wellen verhindern eine Anlandung mit den Schlauchbooten. Bald schon setzen wir die Reise zur Antarktischen Halbinsel fort, die wir am nächsten Tag erreichen. Das Schiff fährt nun ständig zwischen den Inseln und dem Festland durch breite und schmale Meeresstraßen.
Buckelwale begleiten uns. Häufig fahren wir mit dem Schlauchboot zwischen den bizarren Eisbergen und unternehmen immer wieder kleine Wanderungen auf dem Festland. Mit der Fahrt durch die Drake Passage nach Ushuaia endet eine Traumreise.

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