Angststörungen: Wenn Sorgen krankhaft werden

Das Herz rast, der Atem fliegt – Angst verursacht die häufigsten psychischen Erkrankungen.
 Ein Artikel von Maria Riedler

Eine Spinne, ein Besuch im Supermarkt oder eine Fahrt im Tunnel: Das Herz pocht, der Schweiß steht auf der Stirn, und enorme Angst macht sich breit. Angst vor Höhen, Angst vor Menschenmassen, Angst vorm Fliegen – all das kann zu Panikstörungen und plötzlich auftretenden Angstanfällen führen, die von körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Zittern, Atemnot oder Schwitzen begleitet werden. Furcht kann den Alltag sehr belasten. Und manchmal kommt sie einfach aus dem Nichts.

Lebensrettende Angst

Angst ist eines unserer wichtigsten Gefühle und eigentlich eine sinnvolle Sache. Sie warnt uns vor echter Gefahr und befähigt unseren Körper in kürzester Zeit zu Höchstleistungen. Das Gehirn schüttet Botenstoffe aus wie die Stresshormone Adrenalin und Kortisol, die Körper und Geist kurzzeitig außergewöhnliche Kraft verleihen. Zu Urzeiten mussten unsere Vorfahren sehr schnell entscheiden, ob sie kämpfen oder fliehen sollten. Tauchte plötzlich ein bedrohliches Tier auf, dann rettete ihnen die richtige Entscheidung das Leben. Auch heute noch ist Angst lebensrettend. Sie hilft uns blitzschnell zu reagieren, wenn Gefahr droht. Ist sie beseitigt, kommen Psyche und Körper wieder zur Ruhe. Angst hilft dabei, Risiken einzuschätzen und sich nicht in Gefahr zu bringen. Angst steigert die Konzentration in brenzligen Situationen wie etwa bei einer entscheidenden Prüfung oder einer schwierigen Bergtour. Ist sie nicht zu stark ausgeprägt, kann sie ein Motivator sein und die Leistung verstärken. Ein Zuviel hingegen beeinträchtigt Denken, Konzentration und Verhalten bis hin zur völligen Verzweiflung mit Suizidgedanken.

Lähmende Angst

„Etwa 17 Prozent der Menschen leiden weltweit unter Angststörungen“, so die leitende Oberärztin am Sonderauftrag für Psychosomatik und Stationäre Psychotherapie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Agnes Pohlhammer. Übermäßige Angst lähmt Körper und Geist. Sie kann vollkommen grundlos auftreten oder mit harmlosen Gegenständen oder Situationen verbunden sein. Sogenannte Angst- und Panikstörungen gehören zu den häufigsten psychischen Leiden. Massive körperliche und seelische Probleme sind die Folge.

Foto: photographee-eu-fotolia-com

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Körperliche Anzeichen

Wie andere Gefühle ist auch Angst körperlich wahrnehmbar. Ob Herzklopfen, Schweiß, Zittern oder ein Kloß im Hals – diese Emotion lässt niemanden kalt. Vereinfacht kann man sagen: es gibt keine Angst ohne dazugehörige körperliche Empfindungen. Diese sind jedoch nicht für jeden einzuordnen.Bei Angststörungen kommt es zu massiven Angstreaktionen, obwohl keine akuten extremen Bedrohungen und Gefahren bestehen, oder diese halten nach einer realen Gefahrensituation an. „Wenn körperliche Reaktionen wahrgenommen werden, sollte man prinzipiell einen Arzt aufsuchen und abklären lassen. Bei manchen Patienten kann auch eine körperliche Erkrankung wie Herzrhythmusstörungen Angst auslösen, weil sie vital bedrohlich ist. Hier muss man auch eine organmedizinische Abklärung vornehmen. Bei Leidensdruck bzw. bei Symptomen, die die Lebensqualität beeinträchtigen, sollte jedoch unbedingt eine professionelle Behandlung erfolgen.“ Über seinen Weg aus der Angst hat der beliebte ORF-Moderator Wolfram Pirchner ein Buch geschrieben. „Alleine der Wille, mich professionell begleiten zu lassen, ist ein Schritt zum Erfolg“, so Pirchner. „Und es ist Schwerstarbeit, wie ich erfahren durfte. Heute sage ich durfte. Damals musste. Es muss den Betroffenen gelingen, stolz auf sich zu sein, Hilfe anzunehmen.“

Agnes Pohlhammer (SALK), Salzburg
Foto: SALK

„Angst bewirkt oft einen sozialen Rückzug der Betroffenen. Das kann Angststörungen noch verstärken bzw. weitere Erkrankungen mit sich bringen. Dabei sind Angststörungen gut behandelbar“, so die leitende Oberärztin Agnes Pohlhammer.

Angst hat viele Gesichter

Unter dem Oberbegriff „Angst- und Panikstörungen“ werden mehrere Krankheiten zusammengefasst. „Man unterscheidet Angst, die unabhängig von einem Objekt oder einer Situation ist (generalisierte Angststörung, Panikstörung) und Angst, die von einem Objekt oder einer Situation abhängig ist (Phobie, z. B. soziale Phobie). Bei einer Panikstörung kommt es zu wiederkehrenden Angstanfällen – begleitet von körperlichen Symptomen wie Herzrasen oder Schwindel“, erklärt Fachärztin Pohlhammer. Drei bis vier Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Als einfache Phobie gilt etwa Angst vor Tieren (z. B. Spinnen, Wespen, Hunden) oder Situationen/Ereignissen (z. B. enge Räume, Fliegen, Gewitter). Jeder Zehnte ist irgendwann im Leben davon betroffen. Bei einer sozialen Phobie hat man ausgeprägte Ängste in gesellschaftlichen Situationen. Die Betroffenen fürchten sich u. a. davor, in Gesellschaft die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sich peinlich zu verhalten. Zwischen 7 und 13 Prozent der Bevölkerung leiden daran. Die generalisierte Angsterkrankung ist gekennzeichnet durch übermäßige Sorgen und Befürchtungen, die sich um alle Lebensbereiche drehen können. Fünf Prozent der Bevölkerung haben eine generalisierte Angststörung.

BUCH TIPPP

Wolfram Pirchner
Nur keine Panik
Mein Weg zurück ins Leben
ISBN 978-385002-867-7 224 Seiten, € 19,95 Amalthea Verlag, 2014

Die gute Nachricht

Angststörungen sind sehr gut behandelbar: „Leider dauert es nur häufig sehr lange, bis Menschen sich in Therapie begeben. Dramatisch ist es, wenn als Folge einer Angststörung ein sozialer Rückzug erfolgt. Oder wenn Menschen mit Beruhigungsmedikamenten behandelt werden und damit in einen Abhängigkeitskreislauf kommen“, betont Pohlhammer, „auch weil sich dadurch die Angstsymptomatik oft noch mehr verstärkt.“ Angststörungen werden zumeist erfolgreich durch ambulante Psychotherapie und ergänzend mit Medikamenten ohne Suchtpotential, wie etwa Antidepressiva behandelt. Zusätzlich empfehlen sich natürlich Entspannungsübungen, wie beispielsweise Autogenes Training, so die Ärztin.

Foto: Wolfram Pirchner
Wolfram Pirchner, ORF-Moderator

„Nach wie vor werden Menschen, die  Hilfe für Seele und Herz suchen,  stigmatisiert. Was andere denken, sollte egal sein. Ich glaube und vermute und das war auch eine Erkenntnis meiner Psychotherapie, dass mein Perfektionismus, diese „Sucht“ den anderen entsprechen zu müssen, es allen anderen Recht machen zu müssen, Schuld an meinen Panikattacken und Angstzuständen war und ist. Ich habe sie nach wie vor. Seltener, aber ich kann hervorragend mit ihnen umgehen. Ich habe sämtliche Ängste abgelegt, die Angst vor den Attacken, existenzielle Ängste, Familienängste, berufliche Ängste usw. – ich bin angstfrei und das ist das Ergebnis eines harten, intensiven Arbeitsweges. Und ist es immer noch…“

Foto: Dr. Moritz Mühlbacher
Dr. Moritz Mühlbacher
Facharzt für Psychiatrie, spezialisiert auf Panik- und Angststörungen sowie Depressionen an der Privatklinik Wehrle-Diakonissen in Salzburg

„Leider vergehen bis zur korrekten Diagnose einer Angststörung oft viele Jahre. Manchmal können die Symptome einem Herzinfarkt oder einem Asthmaanfall sehr ähnlich sein und deshalb ist es wichtig, zu allererst körperliche Erkrankungen auszuschließen. Wenn jedoch ohne erkennbaren Grund plötzlich massive Ängste öfters auftreten, sollten Sie sich in professionelle Hände begeben, damit keine Chronifizierung auftritt und die Panikattacken noch häufiger werden. Ein erster Schritt muss eine gründliche körperliche Durchuntersuchung sein.“

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