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Adipositas bei Kindern

Übergewicht bei Kindern ist ein immer massiver werdendes Problem in Österreich, das jedoch oft als „Babyspeck“ unterschätzt wird. Projekte wie SALTO regen dazu an, möglichst früh gegenzusteuern.
Ein Artikel von Natalie Zettl

Alarmierende Zahlen veröffentlichte eine Studie einer österreichischen Forschungsgruppe: Bundesweit bringen bereits im Kindergartenalter 9-10 % der Jungen und 11-12 % der Mädchen zu viel Gewicht auf die Waage – ein Problem, das sich mit zunehmendem Lebensalter meist noch verschärft. Die Gründe dafür sind vielfältig: Bewegungsmangel und Fehlernährung, teils maximiert durch fehlendes Bewusstsein innerhalb des familiären Umfeldes.

Kromeyer-Hauschild_PerzWann gilt ein Kind als übergewichtig?
Bei Kindern ist Übergewicht schwieriger definierbar als bei Erwachsenen, da der Übergang vom Normal- zum Übergewicht aufgrund von Wachstumsphasen eher fließend ist. Experten ziehen daher sogenannte alters- und geschlechtsspezifische Perzentilen heran: Beispielsweise besteht Übergewicht, wenn der Body Mass Index eines neunjährigen Jungen bei über 20 liegt – das bedeutet bei einer Größe von 1,30 Metern ein Gewicht von über 34 Kilo. Das Kind im Beispiel befindet sich damit über der 90. Perzentile, da 90 von 100 Gleichaltrigen einen Body Mass Index von unter 20 haben. Generell gilt ein Kind ab der 90. Perzentile als übergewichtig, ab der 97. Perzentile als adipös. Mit dem Übergewicht steigt auch das Risiko für Folgeerkrankungen: Bluthochdruck, Gelenkschäden und Wachstumsstörungen, aber auch psychische Krankheiten wie Depressionen können ihren Ursprung in zu hohem Körpergewicht haben.

Foto: SALK

Foto: SALK

Aktiv gegen das Übergewicht
Um das Problem Adipositas in den Griff zu bekommen, muss bereits früh angesetzt werden. Projekte wie zum Beispiel SALTO („Salzburg together against obesity“), ins Leben gerufen von Univ.-Prof. Mag. DDr. Susanne Ring-Dimitriou und Univ.-Prof. Dr. Daniel Weghuber, gehen schon auf Kinder im Vorschulalter ein.
„Im verpflichtenden Kindergarten-Jahr schließt sich der Kreis zwischen Elternhaus und Pädagogik. Umso wichtiger ist es, auch bei Kindergärtnern den Blick für das Thema Übergewicht zu schärfen“, so Weghuber. „Dafür wurden inzwischen langfristige Investitionen getätigt – die Ausbildung der Pädagogen beinhaltet mittlerweile verpflichtend die Auseinandersetzung mit Adipositas.“ Inzwischen ist SALTO verbunden mit der Initiative „Gesunder Kindergarten“.

Grundstein Familie
Der erste Schritt in Richtung Kindergesundheit ist es, im Elternhaus ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welche Faktoren für einen gesunden Lebensstil wichtig sind. Dabei spielt auch das sozioökonomische Umfeld der Eltern eine große Rolle. „Gesundes Essen kostet nicht nur mehr, es ist auch aufwändiger zuzubereiten – das stellt wirtschaftlich schwächere Familien oft vor Probleme.“ Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung wäre laut Weghuber das verpflichtende zweite Kindergartenjahr; denn so kann man Kinder und Eltern gleichermaßen auf die immense Wichtigkeit eines gesunden Lebensstils aufmerksam machen.

Kinder lernen, welche Lebensmittel gesund sind. Foto: SALTO / Ring-Dimitriou

Kinder lernen, welche Lebensmittel gesund sind.
Foto: SALTO / Ring-Dimitriou

Ernährung als Schlüssel
Auch wenn die Gene eine wichtige Rolle beim Thema Körpergewicht spielen: „Übergewicht ist kein Schicksal, dem man hilflos ausgeliefert ist“, erklärt Weghuber. Mit einem gesunden Lebensstil kann man viel bewirken. Basis für ein angemessenes Körpergewicht ist die richtige Ernährung: Fastfood soll laut Experten maximal einmal pro Woche auf dem Speiseplan stehen! Dazu sollten Eltern auf die richtige Kohlenhydratversorgung achten: Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse enthalten zwar Kohlenhydrate, aber auch wichtige Ballaststoffe. Diese sorgen dafür, dass der Blutzuckerspiegel nach dem Essen weniger stark ansteigt.
In diesem Zusammenhang spielt auch gesundes Trinken eine wichtige Rolle: Kinder, die gesüßte Getränke gewöhnt sind (darunter fallen neben Limonaden auch Fruchtsäfte), lassen sich kaum zum Wassertrinken überreden. Sorgen Sie daher dafür, dass Ihr Kind Wasser als normales Getränk wahrnimmt – Süßes sollte die Ausnahme bleiben!

Bewegung spielt eine große Rolle. Foto: SALTO / Ring-Dimitriou

Bewegung spielt eine große Rolle.
Foto: SALTO / Ring-Dimitriou

Fitness steigern
Für Vorbeugung und Therapie gleichermaßen ist eine Kombination aus gesunder Ernährung und gesteigerter Fitness empfehlenswert. Kinder können sich normalerweise leicht für Bewegung begeistern – vorausgesetzt, der Spaß bleibt nicht auf der Strecke. Es sollte also auf spielerische Durchführung der „Trainingseinheiten“ geachtet werden!
Fangspiele, Seilspringen, Radfahren: Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Am besten lassen Sie Ihr Kind die jeweilige Sportart selbst aussuchen. Wenn Sie mit ihm zusammen Sport machen, achten Sie darauf, ihm auch hin und wieder Erfolge zu gönnen: Beim Radfahren zum Beispiel dürfen Sie sich gerne auch einmal überholen lassen. Das suggeriert Ihrem Kind, dass es gut ist in dem, was es tut, und motiviert es zum
Weitermachen!

Eltern und Kinder klettern zusammen. Foto: SALTO / Ring-Dimitriou

Eltern und Kinder klettern zusammen.
Foto: SALTO / Ring-Dimitriou

Anlaufstellen für Eltern
Wenn Sie den Verdacht haben, dass Ihr Kind zu viel auf die Waage bringt, ist die erste Anlaufstelle der Kinderarzt. Dieser wird feststellen, ob Ihr Kind tatsächlich unter Übergewicht leidet, und auch das Risiko für Folgeerkrankungen wie zum Beispiel Bluthochdruck ermitteln. Abhängig vom Ausmaß des Übergewichtes und der Risikokonstellation wird dann ein passendes Therapiekonzept erstellt. Wichtig ist aber nicht nur der Arztbesuch und die Therapie selbst, sondern auch die Nachbetreuung – der Lebensstil muss angepasst werden. Übrigens: In schweren Fällen gibt es auch die Möglichkeit einer Rehabilitationstherapie für Kinder, zum
Beispiel in der Klinik Schönsicht
in Berchtesgaden.

Fingerspitzengefühl gefragt
Vielleicht wissen Sie es aus Ihrer eigenen Schulzeit: Kinder können grausam sein. Wie alle, die in irgendeiner Hinsicht „anders“ sind, werden übergewichtige Kinder daher oft Opfer von Ausgrenzung. „Interessant ist, dass selbstbewusste Kinder, egal wie dick oder dünn, kaum jemals gemobbt werden“, stellt Univ.-Prof. Dr. Weghuber seine Beobachtung dar. Aufgrund des sensiblen Themas ist bei der Kommunikation der Eltern mit dem betroffenen Kind viel Fingerspitzengefühl nötig. „Leider ist Adipositas und alles, was damit zusammenhängt, in unserer Gesellschaft ein Thema, das häufig mit Schuldzuweisungen einhergeht“, so Univ.-Prof. Dr. Weghuber. „Wenn Sie mit Ihrem Kind über Übergewicht reden, sollten Sie also darauf achten, Unterstützung zu geben, anstatt auf die Ermahnungsschiene zu kommen.“

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