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Abmalen der Gefühle

Seitdem 2014 ihr Auftritt beim Bielefelder Hörsaal-Slam zum millionenfach gesehenen Internet-Hit wurde, gilt Julia Engelmann wohl als DIE Poetry Slammerin schlechthin. Vergangenes Jahr brachte sie ihr erstes Musikalbum heraus, vor kurzem folgte eine Live DVD sowie ihr viertes Buch.
Ein Artikel von Doris Thallinger

julia-engelmann_01Nun bist du also Schauspielerin, Poetin, Sängerin und Songwriterin, zeichnen kannst du auch noch. Was kannst du denn nicht?
Oh, ich glaube, ich kann eine ganze Menge Sachen nicht. Und dann ist auch die Frage, was können heißt und ob das bedeutet, dass man es nicht machen sollte. Ich bin, glaube ich, jemand, der – wenn mir etwas Freude macht – sich erst einmal nicht von der Frage aufhalten lässt, ob ich das gut genug kann. Ich glaube, dass man Dinge oft kann, WEIL man sie macht. Ich glaube schon daran, dass man mit seinen Tätigkeiten und Aufgaben wächst.

Wie reagieren deine Fans darauf, dass du jetzt Musik machst?
Das ist etwas, das sich schon länger in meinem Leben angekündigt hat, weil ich schon immer gerne Musik gemacht habe. Auch, bevor ich das Album herausgebracht habe, habe ich auf Tour schon immer zwischen den Gedichten mal ein Lied auf der Gitarre gespielt. Ich wurde immer mal wieder gefragt, wann denn mal ein Album kommen würde. Ich glaube, dem Programm und der Tour, den Menschen, die kommen, tut es gut, denn es kann ja niemand zwei Stunden lang nur Texte hören, und das muss auch keiner.

julia-engelmann_04Woher nimmst du deine Ideen, deine Inspiration?
Die Frage ist kurz und lang gleichzeitig zu beantworten. Also erst mal: Alles, was mich interessiert. Der rote Faden dabei sind oft Fragen zum Thema Zeit, Beziehung, Erwachsenwerden. Und oft bilde ich auch ab, was sozusagen in meinem Kopf stattfindet. Gedichte schreiben ist für mich so ähnlich wie Abmalen meiner Gefühle oder Gedanken.

Welches Thema würdest du nie aufgreifen? Gibt es ein Tabu?
Ich glaube in der Poesie nicht an Grenzen, nicht an richtig und falsch, nicht an Kategorien. Deswegen glaube ich auch nicht an Tabu-Themen. Generell empfinde ich Tabu-Themen als etwas Schwieriges. Ich glaube an Offenheit und Ehrlichkeit – insofern gibt es da für mich kein Tabu.

Was ist das Geheimnis deines Erfolgs?
Ich bin selber überrascht, ich hab nie damit gerechnet, dass ich eines Tages nur ansatzweise Poetin oder Dichterin von Beruf sein kann. Ich teile einfach meine Gedanken so offen und ehrlich wie möglich. Für mich ist Erfolg, dass ich mich traue, der Mensch zu sein, der ich glaube, dass ich bin. Und etwas aus meiner Zeit zu machen und ein Leben zu führen, das kongruent ist zu dem, was ich sage. Deswegen fühle ich mich in Bezug darauf erfolgreich. Dass meine Bücher auf der Spiegel Bestseller Liste waren und viele Menschen zu einem Tourabend kommen, darüber bin ich natürlich unglaublich dankbar.

julia-engelmann_03Zum Teil polarisierst du auch: So wird dir unterstellt, dass dein Werdegang berechnete Inszenierung sei und du gar nicht so authentisch seist. Wie gehst du mit der Kritik um?
Ich glaube, ich habe einen gesunden Blick darauf. Ich habe ein gutes Gefühl, wer ich bin. Kritik finde ich wichtig und gut, wenn sie konstruktiv und wertschätzend ist. Ich glaube auch, dass das Leben und alles, was passiert, mir hilft, über mich selbst zu lernen. Und wenn ich merke, es wurmt mich, was jemand gesagt hat – das muss gar keine öffentliche Kritik sein – dann sind das vielleicht Wegweiser für mich selbst. Ansonsten: Menschen sind verschieden – und ich bin da ganz entspannt.

julia-engelmann_05Am 27. November stehst du in Salzburg auf der Bühne: Worauf dürfen sich deine Fans freuen?
Ich habe zwei großartige Musiker dabei, Martin und  Lukas, die sind gleichzeitig sehr nette Menschen, das kann man ja auch mal erwähnen. Ich werde Gedichte vortragen aus all meinen vier Büchern, also auch brandneue Gedichte. Wir werden Lieder singen in verschiedenen Set-ups. Es gibt jede Menge Konfetti, es gibt die Möglichkeit, mir eine Frage zu stellen, wenn jemand eine hat, oder ein Foto mit mir zu machen. Natürlich kann jeder auch Fotos ohne mich machen. Ich bin hier, solange bis keiner mehr möchte.

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