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A G´spir für´s B´sondere

„Wenn wir von uns erzählen, müssen wir von Tauriska erzählen, denn diese Arbeit ist untrennbar mit uns verbunden“, sagt Christian Vötter. 2016 feiert Tauriska sein 30-jähriges Bestehen. Susanna Vötter-Dankl und Christian Vötter haben im Oberpinzgau in die Tat umgesetzt, was der Philosoph Leopold Kohr stets gepredigt hat: Projekte mit Nachhaltigkeit, regionale Identifikation und Heimat im besten Sinn.

„Wenn dein Dorf stirbt, bist du selbst schuld und nicht die anderen“, ist Christian Vötter überzeugt. Oft sei es jedoch schwierig, das Gute und Schöne vor der Haustüre zu erkennen und für sich zu nutzen und sich am Dorfleben zu beteiligen. Deshalb haben es sich Susanna Vötter-Dankl und Christian Vötter vor fast 30 Jahren zur Aufgabe gemacht, dem Dorfsterben entgegenzuwirken und das Bleiben zu fördern, das Kleine und scheinbar Unscheinbare aufzuspüren, es auszugraben, wiederzubeleben und weiterzuentwickeln. Nicht selten sind die Vötters heute als Vortragende zur Zukunft der Dörfer gefragt. Weit über die Grenzen hinaus sind sie heute als Entdecker, Helfer, Netzwerker und Mutmacher bekannt. Neben der Förderung des Selbstbewusstseins der Region, der Wiederentdeckung von Bräuchen und Traditionen, dem Suchen und Finden der regionalen Besonderheiten und der wirtschaftlichen Weiterentwicklung heimischer Erzeugnisse, publizistischer Aktivitäten, der Förderung junger Talente und vielem mehr ist die Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit der Leopold Kohr Akademie heute ein wichtiger Bestandteil des Vereins.

Von der Kultur ins Herz und Hirn

1986. Der Anfang von Tauriska, benannt nach einem keltischen Volksstamm, der vor rund 2.000 Jahren an der Südabflachung der Alpen lebte. „Alfred Winter, damals Leiter für Kulturelle Sonderprojekte Salzburg, sollte in der Region etwas tun, damit die Menschen zufriedener würden und auch positiv für den Nationalpark Hohe Tauern stimmen“, erinnert sich Susanna Vötter-Dankl. „Die klare Lösung für Alfred Winter lautete: Kultur. Denn nur damit ginge der Gedanke an das Schöne ins Hirn und ins Herz und der Mensch öffnet sich und ist bereit für Neues“, so Vötter-Dankl über Winters Vision. Auf dieser gründete der Sonderbeauftragte in den Orten der Region Nationalpark Hohe Tauern schließlich kleine Kulturvereine und holte den Philosophen Leopold Kohr und Susanna Vötter-Dankl, damals im Tourismusverband Neukirchen tätig, mit ins Boot. Ein Jahr später folgte Christian Vötter, damals Maschinenschlosser bei den Tauernkraftwerken. Als Dachverbandsitz und zentrale Anlaufstelle vor Ort wählte Alfred Winter den 400 Quadratmeter großen Kammerlanderstall in Neukirchen am Großvenediger, ein damals verfallenes Haus mit Schweinestall inmitten des Ortszentrums nebst Volksschule und Kirche. Dieser sollte auch noch zwei Jahre lang – parallel zur Kulturarbeit der Tauriskaner – bestehen bleiben, „Duftsackerl für die Besucher inklusive“, erinnert sich Susanna Vötter-Dankl schmunzelnd.

Auf der Suche nach den Schätzen der Region

Der Kammerlanderstall wurde zur zweiten Heimat der Tauriskaner, die das Haus aus dem 18. Jahrhundert liebevoll restaurierten. Die Besonderheiten eines jeden Dorfes herauszuarbeiten, zählte zu den ersten Aufgaben der Tauriskaner. „Wir begannen mit einer Bestandsaufnahme der Schätze der Region und welche es zu bewahren gilt“, erinnert sich Susanna Vötter-Dankl, „einfach nach G´spir “. Handwerk- und Kochkurse standen am Beginn, Ausstellungen und Lesungen heimischer Künstler und Autoren folgten bald. Diese zählen auch heute noch zu den Aufgaben von Tauriska. So ist das Thema einer kürzlich stattgefundenen Ausstellung im Samplhof in Bramberg Leinen und im traditionellen Kammerlanderstall hängen stets Bilder moderner Künstler an den Holzwänden.

Auf 2.000 Veranstaltungen, 700 Projekte und 140 Publikationen kann Tauriska seit der Gründung  heute zurückblicken. Rund 130 Veranstaltungen verzeichnen die Betreiber pro Jahr. „Unser Ziel war jedoch von Anfang an Qualität, nicht Quantität“, so Christian Vötter. Eines der nachhaltigsten und erfolgreichsten Projekte, das seit seinen Anfängen vor zehn Jahren nicht an Aktualität eingebüßt hat, und wofür die Tauriskaner 2014 den Volkskulturpreis des Landes Salzburg erhalten haben, ist das Projekt rund um den Apfel. „Bei der Obstpresse in Bramberg kann ein jeder seine Äpfel pressen kommen und das Apfelmehl ist im Moment das aktuellste Projekt, das aus dem Apfelprojekt entstanden ist“, erzählt Christian Vötter. Mit der österreichweit einzigartigen Trocknungsanlage Österreichs werden Apfelreste zu Apfelmehl gemacht und findet sich am Ende in Müsli, in Müsliriegel oder im Apfelkuchen wieder. „Tradition, Naturschutz, Wirtschaft, Kultur, Forschung und Bildung – all das ist in diesem Projekt vereint“, so Susanna Vötter-Dankl.

Projekte festzuhalten, zu dokumentieren, darüber zu berichten und damit ein Weiterdenken zu ermöglichen – das ist mit dem Tauriska Verlag möglich. „Der Verlag liegt uns besonders am Herzen und ist für uns eine Plattform, um zu kommunizieren, was wir tun und was uns wichtig ist.“ Zu den letzten Titeln zählen „Ernährungs(un)Sicherheit und Welt(un)frieden. St. Johanner Friedenstage 2015“ (Hrsg. Salzburger Volkskultur), „Wia da Schnåwö gwåxn is“ von Sarah Gründlinger und Andrea Innerhofer oder „Über die Berge. Der Hof. Das Bleiben“ (Hrsg. Brita Steinwendtner). Bis 2013 wurden die Arbeiten und Projekte zudem im jährlich erschienenen Tauriska Magazin festgehalten.

Zum Erden auf den Bauernhof

Und wie sind Susanna Vötter-Dankl und Christian Vötter privat? „Was wir predigen und wofür wir einstehen, das wollen wir auch selbst leben“, sagt Christian Vötter. Wenn die Vötters einmal Ruhe brauchen und sich „erden wollen“, werkeln sie gerne auf ihrem Bauernhof. „Wir haben einen Garten und sind Selbstversorger“, erzählt Christian Vötter, „wir bauen Gemüse und Obst an und haben Schafe und Hasen.“ Und wenn es den beiden einmal zu viel wird, geht Christian Vötter Holzarbeiten und Susanna Vötter-Dankl liebt ihre einsamen Waldspaziergänge. Mehr als zwei Tage verlassen die Tauriskaner ihre Heimat nie. Und wenn es doch ein anderer Ort auf Erden sein sollte, an dem sie ihre vielen Ideen verwirklichen? „Dann wäre es Schottland“, ist sich Susanna Vötter-Dankl sicher. „Dort gibt es Whiskey und wir lieben das raue Klima und die sturen Schotten. Und sterbende Dörfer gibt es leider überall.“ Aktuell lieben sie jedoch die Begegnungen mit den Menschen in ihrer Heimat. „Oft kommen Menschen zu uns auf einen Apfelsaft und so entstehen Ideen. Wir schauen Menschen, mit denen wir arbeiten, auch gerne in die Augen.“

„Eine Arche Noah, die die Perlen

der Region zusammenhält“

Nächstes Jahr, zum 30-jährigen Bestehen des Kulturvereins, endet gleichzeitig der Vertrag mit dem Besitzer des Kammerlanderstalls. Dann werden Christian Vötter und Susanna Vötter-Dankl vorerst in einen Container übersiedeln, welcher vorübergehend dann zur neuen Anlaufstelle von Tauriska werden soll. Denn nicht selten stehen neben Einheimischen und Salzburgern auch Menschen aus München, Köln oder Berlin unangekündigt vor der Türe und wollen mit den Tauriskanern kooperieren, gemeinsam Projekte entwickeln und verwirklichen und nach gemeinsamen Ideen forschen, wie die Dörfer in Zukunft weiter bestehen können. Denn die Ideen und Projekte von Susanna Vötter-Dankl und Christian Vötter sind bereits bis weit über die Grenzen Salzburgs hinaus ein Begriff. „Tauriska ist eine Art Arche Noah, die die Perlen der Region zusammenhält“, bringt es der langjährige Wegbegleiter und Autor Werner Slupetzky auf den Punkt.

Eva Pittertschatscher

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